„Alles im Leben ist für irgendetwas gut!“

Zwillinge sitzen auf der Couch

Andrea Tschaban: Wie alt warst du, als du deine Zwillinge bekommen hast?

Sigrid Messer: Ich war 32 Jahre alt, das war vor 20 Jahren.

Andrea Tschaban: Ab wann hast du die Zwillinge alleine großgezogen?

Sigrid Messer: Als die Zwillinge 2,5 Jahre alt waren, haben wir unser Leben ohne Papa in die Hand genommen. Das war keine große Umstellung für mich, da ich von dem Vater der Mädchen kaum Hilfe erhalten habe, was dann auch endgültig mit zur Trennung beigetragen hat.

Andrea Tschaban: Wie war das für dich und deine Kinder in der ersten Zeit?

Sigrid Messer: Ich war unheimlich erleichtert: Ich war frei, musste mich nicht mehr rechtfertigen, konnte selbst Entscheidungen treffen. Mir war sehr bewusst, dass ich die Verantwortung alleine zu tragen habe, aber ich wusste, dass ich es irgendwie schaffen werde.

Zwillinge Sigrid Messer

Zwillinge: Sigrid Messer im Interview über ihre Erfahrungen als alleinerziehende Mutter.

Andrea Tschaban: Was oder wer hat dir geholfen, wenn du nicht weiter wusstest?

Sigrid Messer: Eine sehr gute Freundin hat mir geholfen und die Familienberatung der Diakonie. Beide haben mich über viele Jahre hinweg unterstützt. Leider hat mir meine Mutter keinen Rückhalt gegeben – sie hatte kein Verständnis dafür, dass ich mich vom Vater der Zwillinge getrennt habe und wieder arbeiten gegangen bin.

Vereinbarkeit von Zwillinge und Beruf

Andrea Tschaban: Wie hat sich deine berufliche Situation als Alleinerziehende geändert?

Sigrid Messer: Ich habe zuerst – nach der Trennung von meinem Mann – von Sozialhilfe gelebt. Als die Zwillingsmädchen dann im Kindergarten waren, habe ich in Teilzeit mit 30 Stunden pro Woche wieder gearbeitet.

Andrea Tschaban: Hast du zugunsten deiner Kinder deine berufliche Karriere zurückgestellt?
Sigrid Messer: Ja, ich habe eine leitende Stelle abgelehnt – für die Teilzeit-Tätigkeit.

Andrea Tschaban: Welche sind die größten Schwierigkeiten im Berufsleben, wenn man alleinerziehend ist?

Sigrid Messer: Wenn die Kinder krank sind, musste ich zu Hause bleiben. Manche Kollegen, vor allem Kolleginnen, hatten dafür kein Verständnis.

Andrea Tschaban: Wie können/sollten Arbeitgeber Alleinerziehende unterstützen?

Sigrid Messer: Flexiblere Arbeitszeiten anbieten, auch spontan, soweit es das Aufgabengebiet zulässt. Das ist meiner Erfahrung nach eine große Hilfe für alle arbeitenden Mütter. Man kann mit Kindern nicht alles planen und wenn, dann läuft es nicht immer wie geplant. Ich musste damals immer genau um 8 Uhr im Büro sein. Zum Glück hat sich das Berufsleben heute dahingehend weiterentwickelt.

Andrea Tschaban: Gibt es Dinge, die aufgrund deines Berufs im Familienleben zu kurz gekommen sind?

Sigrid Messer: Zeit, Zeit und nochmal Zeit mit den Kindern. Es kommt zu kurz: Hausaufgaben in Ruhe machen, die Kinder im Blick behalten und beobachten. Ich habe häufig Probleme meiner Zwillinge zu spät erkannt und konnte demnach nicht frühzeitig Hilfe anbieten. Meine Mädchen haben mir auch oft nicht gesagt, wenn sie etwas bedrückt hat, weil sie ja wussten: Die Mama hat keine Zeit.

Andrea Tschaban: Worauf bist du als alleinerziehende Mutter aus heutiger Sicht besonders stolz?

Sigrid Messer: Auf alles! Meine Mädchen waren schon sehr früh selbständig: Sie konnte sich zum Beispiel im Kindergarten von Anfang an alleine anziehen und ihre Schuhe binden. Ich konnte mich immer 100 Prozent auf meine Kinder verlassen und habe ihnen vertraut. Sie haben mich nach der Schule auch immer zur gleichen Zeit im Büro angerufen, damit ich wusste, sie sind gut zu Hause angekommen und der Nachmittag verläuft nach Plan. Es war immer alles gut organisiert und meine Zwillinge haben da schon sehr verantwortungsvoll mitgemacht. Das hat uns sehr zusammengeschweißt – wir waren ein eingespieltes Team.

Andrea Tschaban: Gibt es etwas, das du rückblickend anders machen würdest?

Sigrid Messer: Nein. Ich glaube, ich habe in dem jeweiligen Moment oder den Situationen richtig gehandelt und wenn ich mich hilflos fühlte, Hilfe geholt. Danach lebe ich auch heute noch und fahre immer gut damit.

Andrea Tschaban: Bitte ergänze den Satz: „Familienglück bedeutet für mich …“

Sigrid Messer: … Liebe, Vertrauen, aufeinander verlassen können, sich alles erzählen können, sich in den Arm nehmen – egal, in welcher Situation und was vorgefallen ist.

Andrea Tschaban: Welche Tipps würdest du anderen Alleinerziehenden aus deiner Erfahrung heraus geben?

Sigrid Messer:

1. Nie aufgeben.
2. Versuchen, eine positive Lebenseinstellung zu haben.
3. Sich mitteilen: mit Freunden oder professionellen Betreuern reden und zu seinem Leben stehen. Nur dann kann man Hilfe erfahren.

Das Leben als junge Oma

Andrea Tschaban: Wie schaffen es Alleinerziehende, selbst nicht zu kurz zu kommen und auch mal Zeit für sich zu haben?

Sigrid Messer: Gar nicht. Ich habe alles aufgeschoben und jetzt habe ich so langsam wieder Zeit für mich. Aber: Gerade als ich mir mit meinem Lebenspartner ein neues Heim für uns zwei eingerichtet hatte, bin ich Oma geworden. Mein Enkelsohn kam im August zur Welt und meine Tochter gestaltet nun mit gerade mal 20 Jahren ihr Leben als alleinerziehende Mama. Hochschwanger ist sie bei uns eingezogen, nachdem sie sich von dem Papa meine Enkels getrennt hatte.

Andrea Tschaban: Wie unterstützt du deine Tochter mit dem Kind?

Sigrid Messer: Seit die beiden bei uns wohnen, übernehme ich mit meinem Lebensgefährten den kompletten Haushalt, wie kochen, waschen und putzen, damit meine Tochter so viel Zeit wie möglich für ihren Sohn hat. Ich weiß ja aus eigener Erfahrung, wie wichtig das ist. Meine Tochter schätzt diese Hilfe sehr, versucht aber trotzdem in den wenigen Momenten mitzuhelfen – ich bin ihr Vorbild. Sie sagt: Mama, du hast das mit zwei Kindern geschafft, dann krieg ich das auch hin.“ Ich weiß, dass meine Tochter diese Kraft hat und es schafft. Das belohnt mich und ich genieße es sehr!

Andrea Tschaban: Wie fühlst du dich als so junge Oma?

Sigrid Messer: Super! Mein Enkel ist eine Berreicherung für mein Leben, wie ein Geschenk. Er hat unsere enge Bindung zu meinen Töchtern – zu beiden – noch stärker gemacht. Mir kommt es so vor, als fängt wieder alles von vorne an und das gute kommt zurück – also mein aufopferndes Mutterdasein wird im Omadasein belohnt und ich habe die ZEIT und RUHE für mein Enlkelkind, die ich für meine Töchter nicht hatte. Das ist so schön und macht mich richtig glücklich und zufrieden.

Andrea Tschaban: Macht man sich als Oma noch mehr Sorgen um das Wohlergehen der Familie denn als Mutter?

Sigrid Messer: Ich mache mir natürlich Sorgen um meine Tochter, vor allem in finanzieller Hinsicht. Sie musste durch die Schwangerschaft und das Kind ihre Ausbildung abbrechen. In naher Zukunft möchte sie aber in eine eigene Wohnung ziehen und wieder auf eigenen Beinen stehen. Sobald sie arbeiten wird, wird sie wiederum weniger Zeit für ihren Sohn haben. Es ist immer der gleiche Konflikt. Wir werden das aber lösen, weil ich immer für meine Zwillinge und mein Enkelkind da sein werde.

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