„Kinder haben eine faszinierende Unbeschwertheit“

Auf Weltreise mit Kind!? Mario Goldstein hat dieses Abenteuer gewagt und war fast sieben Jahre mit seiner Familie auf einem Katamaran unterwegs. Im Interview erzählt er, warum er in den ärmsten Ländern die schönsten Erfahrungen gemacht hat und warum er auf dem offenen Meer an seine Grenzen gestoßen ist.

Weltreise mit Kind

Tochter Yoko und Hund auf dem Katamaran – Quelle: Mario Goldstein

Konrad Welzel: Wie kamen Sie auf die Idee, mit Ihrem Neugeborenen und Ihrer Frau auf Weltreise zu gehen?

Mario Goldstein: Ursprünglich bin ich nur mit meiner Frau Yvonne in Thailand losgesegelt. Wir waren auf der Suche nach dem Glück und der großen Freiheit auf der Spur. Nach knapp einem Jahr – wir waren gerade auf den Seychellen – merkten wir, dass Yvonne schwanger ist. Sofort war uns klar, dass unser Kind in Freiheit und auf dem Meer aufwachsen sollte und nicht in Deutschland. Schließlich wurde Yoko – das Kind des Meeres – geboren und kam im Alter von sechs Wochen in Israel mit auf den Katamaran. Ab da ging unsere Reise zu dritt weiter.

Konrad Welzel: War es von Anfang an geplant, so lange unterwegs zu sein?

Mario Goldstein: Ursprünglich hatte ich geplant, Deutschland für immer den Rücken zu kehren, obwohl man für eine normale Weltumseglung maximal drei bis vier Jahre benötigt. Doch manche Pläne ändern sich und so beschloss ich, nach knapp sieben Jahren auf See, nach Deutschland zurückzukehren.

Mario Goldstein war 7 Monate auf Weltreise

Mario Goldstein war sieben Jahre lang auf Weltreise – Quelle: Mario Goldstein

Konrad Welzel: Gab es spezielle Vorkehrungen, die Sie für Ihr Kind getroffen haben?

Mario Goldstein: Eigentlich nicht. Allerdings machten wir das Schiff sicherer und versahen etwa die Treppenstufen mit Gittern und brachten ein Netz an der Reling an. Denn Yoko war sehr mobil und erkundete bald krabbelnd unseren Katamaran. Und ich versicherte mich regelmäßig, ob die Rettungswesten und die Rettungsinsel funktionstüchtig sind. Auch unsere Reiseapotheke erweiterten wir. Auf See muss man ja alles griffbereit haben, um ein Kleinkind zumindest mit dem nötigsten medizinisch versorgen zu können. Aber insgesamt machten wir uns nicht zu viele Sorgen. Wir hatten uns in Yokos erstem Jahr komplett im Mittelmeer aufgehalten und uns zumindest eingebildet, dort eine relativ gute Infrastruktur in Bezug auf die medizinische Hilfe vorzufinden. Benötigt haben wir sie zum Glück nicht.

Konrad Welzel: Wie sind Sie mit den medizinischen Untersuchungen für Yoko als Baby umgegangen?

Mario Goldstein: Die medizinische Versorgung unserer Tochter haben wir durch unsere Bordapotheke gesichert. Ab und an waren wir zu Besuch in Deutschland. Dort sind wir dann mit Yoko zum Kinderarzt gegangen und haben sie impfen lassen.

Konrad Welzel: Gab es Länder, die Schwierigkeiten bei der Einreise mit Kind gemacht haben?

Mario Goldstein: Nein, eher im Gegenteil. Mit Kind wird einem so manche Tür geöffnet, die sonst vielleicht verschlossen geblieben wäre. Vor allem die Menschen auf den Seychellen, Kap Verden sowie in Brasilien und Griechenland sind sehr kinderlieb.

Konrad Welzel: Der Umgang mit fremden Menschen wurde also durch die Reise als Familie einfacher?

Mario Goldstein: Wie bereits angedeutet, kommt man als Familie und vor allem mit Kind durchweg leichter mit den Menschen in Kontakt. Kinder haben eine faszinierende Unbeschwertheit und gewinnen so rasch das Vertrauen anderer Menschen.

Vukano Mittelmeer

Vukano im Mittelmeer – Quelle: Mario Goldstein

Konrad Welzel: Welche Erfahrung hat Ihr Kind am stärksten geprägt?

Mario Goldstein: Yoko ist ein sehr offenes und freundliches Kind. Das rührt vielleicht daher, dass sie immer mit sehr vielen Menschen zusammen war – über alle Nationalitäten und Hautfarben hinweg. Ich glaube, die Zeit auf dem Meer hat sie insgesamt sehr geprägt und sie zum Weltbürger werden lassen. Darauf bin ich sehr stolz, denn ihr Wesen ist nahezu frei von Vorurteilen und sie geht auf jeden offen zu.

Konrad Welzel: Gab es auf Ihrer Reise gefährliche Momente, gerade für Ihr Kind?

Mario Goldstein: Spezielle Beispiele kann ich nicht nennen, fest steht aber, dass eine Ozeanüberquerung immer ein Risiko ist. Auf dem Atlantik haben wir manchmal bis zu 14 Tage lang kein Land gesehen und wenn da etwas passiert, hat man einfach ein riesiges Problem. Wir hatten aber Glück, denn es hat nie lebensbedrohliche Situationen gegeben. Für den Notfall hatten wir eine Rettungsinsel und ein Satellitentelefon dabei.

Konrad Welzel: Gibt es rückblickend etwas, dass Sie anders gemacht hätten?

Mario Goldstein: Ich denke, ich hätte mich psychisch besser auf das, was mich erwartete, vorbereiten müssen. Also die Enge auf dem Boot, die Einsamkeit und vor allem die Verantwortung, der man sich als Kapitän ständig stellen muss. Während der Überfahrt auf dem Atlantik bin ich unweigerlich an meine Grenzen gestoßen und über das Maß meiner persönlichen Verantwortungsfähigkeit hinausgegangen.

Konrad Welzel: Wie genau verlief Ihre Reiseroute?

Mario Goldstein: Wir waren fast ausschließlich mit unserem Katamaran „Goodlife“ unterwegs. Insgesamt haben wir sechs Jahre und sechs Monate auf dem Meer und dem Schiff verbracht. Allein 18 Monate verbrachten wir in Thailand. Danach segelten wir innerhalb von zehn Monaten zu den Malediven, weiter nach Chagos und zu den Seychellen. Es folgten in wiederum zehn Monaten der Oman, Jemen, Ägypten und Israel. Nun lag das Mittelmeer vor uns, auf dem wir 18 Monate lang segelten – dabei machten wir unter anderem Station in der Türkei, in Griechenland und auf den Balearen. In Marokko war das Tor zum Atlantik erreicht. In sechs Monaten sollten wir über Kap Verden Brasilien erreichen. Unsere letzte Station war dann die Insel Grenada in der Karibik, auf der wir noch ein Jahr lang blieben.

Immer die ganze Familie an Bord

Immer die ganze Familie an Bord – Quelle: Mario Goldstein

Konrad Welzel: Welche Länder waren am kinderfreundlichsten?

Mario Goldstein: Ich kann natürlich nur von den Menschen, nicht von den Gesetzen der einzelnen Länder ausgehen. Generell muss ich aber sagen, dass gerade die ärmsten Länder die kinderfreundlichsten sind, etwa die Kap Verden, Brasilien und die Karibik. Manchmal habe ich den Eindruck, je mehr das Ego der Menschen wächst, desto kinderunfreundlicher werden sie.

Konrad Welzel: Welchen Tipp haben Sie für Eltern, die gerade eine große Reise mit Kind planen?

Mario Goldstein: Es ist sehr schwer, dazu einen allgemeinen Tipp zu geben. Entscheidend ist vor allem, wie alt das Kind ist. Aber ganz abgesehen vom Alter würde ich die Weltreise meinem Kind immer als großes Abenteuer – was es ja auch ist – vermitteln. Und man sollte sich vorher intensiv damit auseinandersetzen, welchen Charakter beziehungsweise welches Gemüt das eigene Kind hat: Ist es umgänglich? Welche Ängste hat es? Kann es sich längerer Zeit mit sich selbst beschäftigen? Zumindest auf See und einem relativ kleinen Segelboot gibt es nur begrenzte Unterhaltungsmöglichkeiten.

Konrad Welzel: Weltreise mit Kind – ist das für alle Eltern etwas?

Mario Goldstein: Also gerade Eltern, die in sehr engen Strukturen verhaftet sind, werden es schwer haben, sich auf eine Weltreise einzulassen. Solch eine Unternehmung unterliegt der ständigen Veränderung und man muss sich nahezu täglich auf neue Situationen einstellen. Damit meine ich nicht nur den Umgang mit den Sitten anderer Länder, sondern vor allem das Wetter und Gefahren, die auftreten können. Nicht selten gilt es, gefährliche Momente zu meistern. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass es eigentlich nicht möglich ist, langfristig zu planen, was genau auf einen zu kommt.

Wenn man mit dem Gedanken spielt, eine Weltreise zu unternehmen, sollte man sich auf das Genauste prüfen: Welche Ängste trage ich in mir, etwa vor anderen Ländern, Menschen und Kulturen? Diese Ängste werden schnell zum Problem, weil man gewissermaßen gezwungen ist, sich auf die Länder, die man bereist, einzulassen. Generell ist es wichtig, dass in der Familie eine harmonische Beziehung herrscht und die Kommunikation mit dem Partner klappt. Bei solch einer Reise werden Probleme auftreten und dann muss man in der Lage sein, darüber zu sprechen, um schnell zu einer zufrieden stellenden Lösung zu gelangen. Ich glaube nicht, dass sich solch eine Unternehmung dazu anbietet, Ehekrisen zu lösen.
Grundsätzlich ist aber eine Weltreise mit Kind, wenn sie gut geplant ist und man sich über die eigenen Grenzen bewusst ist, nur zu empfehlen. Denn sie bedeutet immer auch eine Weiterentwicklung für Eltern und Kind.

Herr Goldstein, vielen Dank für das Interview und viel Spaß bei den weiteren Reisen mit Ihrer Familie.

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