Den Tod für Kinder begreifbar machen

Dieser Text ist der zweite Teil des Artikels „Kinder trauern auf ihre eigene Weise“.

Kinder trauern andersDie kleine Elena kann ohne Licht nicht mehr einschlafen. Sie fürchtet sich vor dem Sensenmann, der sie holen will. Ich riet Clara dazu, Elena genau zuzuhören und sie zu fragen, warum sie glaubt, dass der Tod sie holen will. Im gemeinsamen Versuch, den Tod fassbar zu machen, kann man Kindern behutsam den Prozess des Sterbens durch nachvollziehbare Erklärungen und Rückfragen näherbringen.

Achten Sie hierbei unbedingt auf Ihre Formulierungen. Erzählen Sie Ihrem Kind, der Papa sei friedlich eingeschlafen, bekommt Ihr Kind womöglich Angst, selbst im Schlaf zu sterben. Es kann auch vorkommen, dass Kinder denken, der Verstorbene komme wieder zurück, da er ja nur schläft. Wenn sie dann den verschlossenen Sarg bei der Beerdigung sehen, fürchten sie vielleicht, dass der vermeintlich Schlafende keine Luft bekommt.

Meiner Erfahrung nach helfen Medien wie Handpuppen oder Bilderbücher bei der Erklärung des Todes. Wenn die Kinder ihre Gefühle auf andere Figuren projizieren können, fällt es ihnen oft leichter, über den Verlust und die damit verbundenen Gefühle zu sprechen. Es ist wichtig, dass Sie Ihrem Kind nicht mit Schweigen oder Ablenkungsversuchen begegnen. Viele Angehörige wollen die Kleinen in der Familie schützen und reden nicht vor und mit den Kindern über den Todesfall. So werden die Kinder mit ihren Fantasien alleingelassen, die oftmals grausamer sind als die Realität.

Kinder bei der Beisetzung

Durch die Beerdigung empfinde ich persönlich den Tod noch einmal klarer und endgültiger. Wenn ich vorher in manchen Momenten die Gedanken an den Verstorbenen von mir wegschieben konnte, werde ich bei der Beisetzung direkt mit dem Verlust konfrontiert. So schwer diese Direktheit auch ist: Ich war immer dankbar über die Möglichkeit und persönliche Gestaltung des Abschieds.

Meine Freundin Clara hat lange überlegt, ob sie ihre Kinder zu der Beerdigung ihres Mannes mitnehmen sollte. Ich habe ihr geraten, Elena und Tim die Abschiednahme zu ermöglichen – vorausgesetzt, sie möchten dabei sein. Im Vorfeld hat Clara ihren Kindern genau den Ablauf erklärt und sie darauf vorbereitet, dass viele Menschen weinen werden. Zusammen haben sie kleine Geschenke für den Papa gebastelt, die sie dann in das Grab geworfen haben. An der Planung und Gestaltung der Beerdigung mitzuwirken, ist für Kinder oft ein wichtiger Schritt der Trauerbewältigung.

Kinder sind grundsätzlich nie zu jung, um an der Beerdigung eines geliebten Menschen teilzunehmen. Es ist allein ausschlaggebend, ob die Kinder dabei sein möchten. Wenn es ihnen zu viel wird – auch wenn es mitten in der Trauerfeier geschieht – sollten Sie einen Notfallplan haben. Eine Vertrauensperson kann die Eltern entlasten und auf die Wünsche und Fragen der Kinder eingehen. Während der Beerdigung war ich stets an der Seite der Kinder. So konnte Clara in Ruhe Abschied nehmen, ohne dass ihre Kinder alleingelassen wurden.

Feste Rituale in den Alltag integrieren

Durch feste Rituale schafften es Clara und die Kinder, den fehlenden Platz Stück für Stück auszufüllen und ihren Alltag neu zu gestalten. Neue und alte Routinen geben den Kindern ein Stück Sicherheit zurück und erzeugen Situationen, in denen sie aktiv mit der Trauer, der Erinnerung und den damit verbundenen Gefühlen und Gedanken umgehen können. Gemeinsam suchen Clara und ihre Kinder die Blumen fürs Grab aus, veranstalten zusammen mit den Großeltern regelmäßige Erinnerungsessen und haben ein kleines Tischchen aufgestellt, auf dem ein großes Bild des Verstorbenen steht und die Kinder gemalte Bilder oder Gebasteltes für ihren „Paps“ hinlegen können.

Gestern habe ich mit Clara telefoniert. Die Familie hatte Anfang des Jahres geplant, in Kroatien Urlaub zu machen. Nun hat Clara die Reise gebucht – den ersten Urlaub allein mit den Kindern. Jedes erste Mal ohne Christian wird für Clara, Tim und Elena schmerzhaft sein. Doch es ist stets ein weiterer wichtiger Schritt zurück ins Leben.

Anja RohdeZur Autorin
Anja Rohde arbeitet bei Bestattungen.de. Das Online-Portal ist ein führender Vergleichsdienst für Bestattungsdienstleistungen in Deutschland. Seit 2011 unterstützt das Unternehmen Angehörige bei der Suche nach einem passenden Bestatter. Zudem bietet Bestattungen.de den Nutzern umfassende Informationen zu den Themenbereichen Tod, Trauer, Bestattung und Vorsorge. Ein weiteres Anliegen des Portals ist es, das Gespräch über den Tod weiter aus der gesellschaftlichen Tabuzone zu holen und auf die wertvolle Arbeit der deutschen Friedhofs-, Bestattungs- und Trauerkultur aufmerksam zu machen.

 
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