Sterben im Hospiz? Das steckt hinter dem Konzept der Sterbebegleitung

Alte Frau sitzt im Rollstuhl im Hospiz

Wie sieht die Arbeit im Hospiz aus? Wie sieht die Sterbebegleitung heute und in der Zukunft aus?        Wo können sich Angehörige professionelle Hilfe holen? Herr Dr. Hanke, Leiter des Hospizvereins Fürth e. V. erzählt in unserem Interview von seinem Alltag im Hospiz. Er schildert uns, wie sich die Einstellung zur Pflege und Fürsorge ändert und was das für die Gesellschaft in Zukunft bedeuten wird. 

Lieber Herr Dr. Hanke, Sie leiten seit 18 Jahren den ambulanten Hospizverein e. V. im Klinikum Fürth. Für Menschen, die sich noch nicht so intensiv mit dem Thema Hospiz, Krankheit oder gar Tod auseinandergesetzt haben – Was ist Hospiz und wie beschreiben Sie Ihre Arbeit?

Hospizarbeit ist grundsätzlich im eigenen Zuhause gedacht. Sie unterstützt Menschen an deren Lebensende sowie deren Angehörige bei der Bewältigung aller Fragen um das Sterben.

Was glauben Sie, wann der Mensch tot ist? Laut Professor Dr. Werner Schneider, einem Soziologen der Universität Augsburg, ist der Mensch bereits lange vor seinem körperlichen Tod bereits sozial gestorben, sobald er seinem Umfeld seine Diagnose verrät. Die Sprachlosigkeit der Bezugspersonen wird größer und das Zugehörigkeitssystem wird sich verkleinern. Gleichzeitig werden die Angehörigen mit einem übergroßen Liebesbeweis versuchen, die Sterbenden festzuhalten. Die Sterbenden selbst haben sich mit dem eigenen bevorstehenden Tod meist arrangiert. Die Hauptaufgabe der Hospizarbeit ist es, dies alles miteinander zu versöhnen.

Dr. Hanke

Herr Dr. Hanke,                                Leiter des Hospizvereins Fürth e. V

Was sind das für Menschen, die im Hospizverein anrufen und Hilfe suchen?

In unserem Verein rufen Menschen jeden Alters an und erbitten bei Pflegekräften und Ärzten Hilfe. „Mein Angehöriger hat eine Krebserkrankung – was kann ich machen?“ „Wir wissen nicht mehr ein und aus, können Sie uns helfen?“

Die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen beraten in diesen sozialrechtlichen, psychischen, spirituellen und bei existenziellen Krisen. Wir erörtern die geschilderten Probleme und besprechen Lösungsmöglichkeiten. Das sind manchmal auch nur Hinweise auf medizinische und pflegerische Netzwerke, Beratungen zur Patientenverfügung oder schlichtweg das Zuhören, damit die Angehörigen ihre Last loswerden.

Es sind zum Teil auch die Nachbarn, die den Hinweis geben, wo Hilfe notwendig ist. Die Nachbarschaftshilfe ist größer als man denkt. Generell sind wir glücklich, wenn wir zu Menschen gerufen werden, die sehr früh nach Bekanntwerden ihrer Diagnose um Rat fragen und wir ihnen helfen können.  

Wie wichtig ist es Angehörigen von Erkrankten Hilfestellung zu leisten?

Wussten Sie, dass zwei Drittel der Gespräche mit An- und Zugehörigen stattfinden? Der Sterbende an und für sich braucht gar nicht so viel. Die allermeisten Menschen sind meiner Erfahrung nach mit ihrem Lebensende versöhnt. Nur die Angehörigen halten an dem Leben des Liebsten fest. Der Sterbende benötigt in diesem Konflikt ein Sprachrohr für sich. Er braucht jemanden, der seine Wünsche und Sorgen laut ausspricht und thematisiert. Das können viele An- und Zugehörige nicht, daher übernehmen wir das für sie. Wir als Hospizverein kommen auch ins Spiel, wenn die Familie nicht mehr kann oder überfordert ist. Wir übernehmen die Moderation, um eine helfendes Netzwerk aufzubauen.

Sobald Ängste und Sorge ausgesprochen sind, haben diese nicht mehr so eine Macht über einen selbst. Die ehrenamtlichen Helfer übernehmen sozusagen die Rolle des Blitzableiters oder auch nur eines Spiegels für diese Ängste und Sorgen.

Sterbende sind auch sehr feinfühlig dahingehend, mit welcher Arbeit sie ihre Angehörigen betrauen oder belasten dürfen. Der Hospizbegleiter hilft dabei dieses umzusetzen und zu unterstützen.

Wie sieht die Hilfe des Hospizvereins konkret aus? Was passiert nach einer ersten telefonischen Beratung?

Die hauptberuflichen Hospizkoordinatorinnen kommen zu den Erstbesuchen in die Haushalte oder ins Altenheim und vermitteln die ehrenamtlichen Helfer sowie leisten die sozialrechtliche Beratung. Die medizinische Hilfe leistet gegebenenfalls das Palliativ-Care-Team. Das sind ausgebildete Fachkräfte, die eine zusätzliche Ausbildung in der Palliativmedizin haben.

Menschen werden plötzlich durch eine schlimme Diagnose aus dem Leben gerissen und alles steht Kopf. Welche Krankheits- bzw. Pflegefälle betreuen Sie hier und wie lange ist die Person im Durchschnitt in Ihrem Hospiz?

Der größte Teil der Gäste hat eine Krebserkrankung, aber auch Herzschwächen oder Atemnoterkrankungen, üble Wunden oder existentielle Krisen. Sie sind meist zwischen 50 und 80 Jahre alt. Wir nennen sie unsere Gäste und begleiten sie schon mal auch über viele Monate. Im stationären Hospiz verbleiben diese Gäste im Durchschnitt 21 Tage.

Arzt hält alten Frau die Hand im Hospiz

Ehrenamtliche Helfer sind im Hospiz eine tragen Säule. Wie werden diese Menschen ausgebildet, um professionell auf Hilfesuchende zuzugehen und sich im Privatleben abzugrenzen?

In Bayern gibt ein verpflichtendes Curriculum mit 80 Unterrichts- und Ausbildungsstunden. Die Ausbildung ist unabhängig vom Hospizverein, manche übernehmen aber auch mal alle Kosten. Je nach dem, müssen die ehrenamtlichen Helfer manchmal die Kosten selbst tragen.

Ich möchte an dieser Stelle unbedingt erwähnen, dass Krankenkassen aus meiner Erfahrung am Lebensende sehr großzügig sind, was die Förderung der ehrenamtlichen Hospizarbeit anbetrifft. Sie übernehmen das Gehalt der Koordinatoren und finanzieren die Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen sowie sämtliche palliativmedizinische Maßnahmen.

Und zum Abschluss – Welche Veränderungen in der Gesellschaft hinsichtlich Pflege und Fürsorge stellen Sie fest? Wie wird die Zukunft der Sterbebegleitung aussehen? Werden wir noch in unserem Zuhause sterben können bzw. wird noch jemand im Haus sein, der diese Aufgabe loyal übernimmt?

In den 60/70 er Jahren hat sich eine Sorgekultur durch die bürgerlichen und ehrenamtlichen Bewegungen definiert, die die Gesellschaft auf die Defizite von Sterbenden hingewiesen hat. Mittlerweile fordert die bürgerliche Gesellschaft eine Fürsorge ein. Waren früher noch familiäre Gemeinschaften für die Sterbenden zuständig und hatten ihren Sterbeprozess mitbegleitet, so wird diese Aufgabe nun Institutionen zugewiesen. Das Familienbild hat sich geändert, die Familien bleiben nicht mehr ein ganzes Leben lang zusammen. Auch hat sich die Loyalität zu den Familienangehörigen verändert. Das kann man auch gut an den Vorgesetzten sehen. Die junge Generation ist ihren Vorgesetzten gegenüber nicht mehr automatisch loyal, sondern fordert deren Loyalität ein. Meiner Meinung nach fällt es der neuen Generation schwer, Loyalität weiterzugeben, da sich das Familienbild verändert hat.

Das wird sich auf die Versorgung Alter und Kranker auswirken. Denn wer beweist diesen dann Loyalität und bietet Hilfe, die im eigenen Alltag regelmäßig erwartet oder gar eingefordert wurde?

Wird man zum Sterben in stationäre Einrichtungen gehen müssen, die wir heute noch als Altenheim bezeichnen?

Ja, ich denke das Altenheim wird in der Zukunft nur noch zum Sterben da sein und nicht mehr zum Pflegen. Derzeit verweilt man im Altenheim zwischen 16 bis 18 Monate. Das wird es nicht mehr geben.

Es kann aber auch sein, dass wir unsere alten Menschen ins Ausland schicken werden, da die Betreuung dort günstiger sein wird. Das Motto wird lauten: „Ich brauche keine Loyalität, ich habe doch meine Pflicht getan und eine Unterkunft mit Pflege organisiert“.

Aber seien wir mal ehrlich, keiner von uns würde heutzutage freiwillig ins Pflegeheim gehen. Wir würden es doch alle bevorzugen, von einer privaten Pflegekraft zu Hause gepflegt werden. Das wird wohl auch solange der Trend bleiben, bis die Pflege zu anspruchsvoll und zeitintensiv wird. Aber was dann?

Vielen Dank Herr Dr. Hanke für Ihre Zeit und Ihre spannenden Einsichten in die Hospizarbeit.

Weitere Informationen rund um die Themen „Bestattungskultur, Tod, Trauern und digitaler Nachlass“ finden Sie auch in unserem Themenschwerpunkt.

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