Reisen mit Kind: Anstrengend anders, aber unbezahlbar schön

Familie_Strand_Blog_FBNeulich habe ich diesen schönen Satz gelesen: „Urlaub mit Kindern ist Alltag unter erschwerten Bedingungen“. Und auch eine Freundin von mir sagte: „Natürlich sind zwei Wochen Ferien anstrengend. Keine Kita, keine Schule, keine Hobbies am Nachmittag. Sondern 24 Stunden Family.“ Das brachte mich zum Nachdenken – was hat sich wirklich beim Thema Urlaub verändert, seit wir Kinder haben? Hier der ehrliche (mit einem dicken Schmunzeln auf dem Gesicht aufgeschriebene) Vergleich:

1. Auswahl des Urlaubsortes

Früher: Bali, Hongkong, San Fransisco – umso weiter weg, desto besser. Fünf Stunden Aufenthalt nachts um drei in Doha? Kein Problem. Hauptsache, der Flug war nicht so teuer. Außerdem konnten wir unseren Jetlag im Hotel ausschlafen. Wir waren ja auch keine Pauschaltouris – ein bisschen Abenteuer musste beim Reisen schließlich auch dabei sein.

Heute: Europa ist doch auch schön. Denn mehr als drei Stunden Flug schaffe ich nervlich mit zwei kleinen Kindern nicht. Der Abflug sollte außerdem in die Schlafzeiten des Babys fallen – dafür geben wir dann auch ein paar Euro mehr aus. Vorbei sind auch die Zeiten der schicken Hotels. Schließlich haben wir früher auch immer die Augen verdreht, wenn eine Großfamilie den Wellness-Bereich stürmte. Deshalb lieber in eine Ferienwohnung – da müssen wir zwar selbst kochen, den Kindern schmeckt Sterneküche ja eh nicht.

2. Packen

Früher: Ein Koffer für uns zwei. Badezeug, Shorts, ein paar hübsche Kleider, falls wir schick ausgehen wollten. Und Bücher, die schon lange darauf warteten, gelesen zu werden. Nicht im Gepäck: Bedenken. Wenn wir was zu Hause vergaßen, kauften wir es eben am Urlaubsort neu. Oder verzichteten ganz einfach darauf.

Heute: Die Kinder teilen sich den größten Koffer. Schwimmflügel, Kuscheltiere, Sonnencreme, die komplette Hausapotheke, Windeln, Feuchttücher, Fläschchen und ein paar Gläschen für unterwegs. Lange Hose, kurze Hosen, Pullis und Shirts, Halbschuhe und Sandalen, Sonnenhut. Vielleicht noch die Regenjacke? Man weiß ja nie. Ich kontrolliere alles dreimal, habe panische Angst, etwas zu vergessen. Sie lachen? Dann haben Sie noch nie den Gefühlsausbruch einer Vierjährigen erlebt, nachdem man ihr erklären musste, dass das Lieblingskuscheltier leider zu Hause im Bett liegt.

3. Die Reise

Früher: Urlaub begann schon im Taxi zum Flughafen. Bewaffnet mit Klatschzeitschriften und guter Musik im Ohr verging selbst ein 10 Stunden Flug schnell. Zwischendurch dösten wir weg, malten uns im Traum aus, was wir alles erleben würden.

Heute: Allein das Handgepäck (Wasserflaschen, Snacks, kleine Bücher, Malsachen, Wechselwäsche und Windeln) wiegt 20 Kilo. Da mein Sohn noch keine zwei Jahre alt ist und damit keinen Anspruch auf einen eigenen Sitzplatz hat, sitzt er während des Fluges auf meinem Schoß – und wir somit zu viert in einer Dreierreihe! Bequem geht anders. Allerdings sitze ich sowieso nicht viel. Denn entweder muss die Große auf die Toilette (natürlich genau dann, wenn alle Tischchen runtergeklappt sind) oder der Kleine will den Mittelgang auf-und abspazieren. Und weil die anderen Reisenden es nicht so gerne haben, wenn der Junior ihre Schnürsenkel aufmacht oder an ihren Armlehnen rumspielt, laufe ich ihm die ganze Zeit hinterher. „Wie lange haben wir noch?“ frage ich die Stewardess gefühlt alle fünf Minuten. Zweieinhalb Stunden Flug können sich wirklich ziehen wie Kaugummi.

4. Der Urlaub

Früher: 10 Uhr Aufstehen. Bis 12 Uhr Frühstücken. Bis 14 Uhr Siesta. Danach an den Strand oder zum Sightseeing. Ruhe oder inspirierende Kultur. Zwischendurch ein paar leckere Häppchen und eine Weinschorle. 18 Uhr Relaxen und Umziehen fürs Dinner. 20 Uhr Abendessen mit viel Rotwein. 22.30 Uhr Spaziergang am Meer. 00 Uhr Müde vom Wein und der Sonne ab ins Bett.

Heute: 6 Uhr Aufstehen. Bis 7 Uhr Frühstück. Kann man um acht Uhr schon an den Strand? Klar, da trifft man dann andere unausgeschlafene Eltern. Buddeln und Spielen bis 11.30 Uhr, dann Mittagessen. Aber bitte keine einheimischen Spezialitäten, sondern am Liebsten Nudeln ohne Sauce. Siesta bis 14 Uhr. Danach abhängen im Appartement, weil es draußen einfach zu heiß ist. „Ich will ein EIIIIIIIS!“ kreischt die Große in Dauerschleife. Gut, machen wir. Danach wieder zum Strand, wo die Eltern abwechselnd aufpassen, dass kein Kind untergeht oder andere Urlauber mit Sand beschmeißt. Dazwischen stets die UV-Panik. Sind alle eingecremt? Haben die Kids einen Hut auf? Trinken sie genug? Und die sehnsüchtige Frage: Wann waren der Gatte und ich das letzte Mal gemeinsam in der Sonne gelegen? Spätestens um 18 Uhr kriegen die Kinder Hunger, um halb acht liegen sie in der Koje. Dann öffnen die Eltern einen Wein und essen die Reste des Kinderessens auf.

5. Die Heimkehr

Früher: Der Koffer blieb oft tagelang unausgepackt stehen. Die ersten Abende verbrachten wir nur damit, die Reise Revue passieren zu lassen. Und tasteten uns ganz langsam zurück in den Alltag.

Heute: Die Kinder rennen sofort rüber zu den Freunden, die ihnen doch sehr gefehlt haben. Und die Eltern bleiben mit einem riesigen Haufen dreckiger Wäsche zurück. Man steht in der Küche, zurück in den Alltag katapultiert. Doch dann guckt man in den Spiegel und lächelt. Weil die Haare doch heller, die Haut dunkler, die Falten um die Augen doch weicher geworden sind.

Mein Fazit

Das mag sich jetzt so anhören, als sei Reisen früher nur ein rosaroter Ritt auf einer Wolke gewesen und heute ein Alptraum. Das ist es natürlich nicht. Urlaub ist einfach anders geworden. Sehr anders. Und trotzdem sehr schön. Weil man ohne Kinder niemals im Pool rumtollen würde oder Krebse fangen. Weil man ohne sie kein Eis von den netten italienischen Kellnern spendiert bekäme. Weil man nicht nach Piratenschiffen Ausschau halten würde oder Prinzinnenschlösser am Strand bauen. Und weil man niemals so viel lachen würde. In diesem Sinne: Schöne Ferien!

Katharina Nachtsheim Berlin 6.5.2010 (c) Niels Starnick / Bild am Sonntag

(Quelle: Niels Starnick)

Über die Autorin

Katharina Nachtsheim ist 33 Jahre alt, Wahl-Berlinerin, Journalistin und Mutter von zwei Kindern (*2010, *2014). Sie betreibt unter anderem Stadt Land Mama, einen der erfolgreichsten Mama-Blogs im deutschsprachigen Netz. Dort tauscht sie sich im Dialog mit ihrer Freundin Lisa Harmann (ebenfalls Mutter und Journalistin) über das Mama-Sein aus, schreibt über Alltag und Gefühle, Versagen und Glück. Ein amüsanter und kontroverser Austausch.

 
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3 Kommentare

  1. Sven J. schreibt am 18. Juni 2015 um 20:43:

    Wunderbar und alles absolut richtig. Als Vater zweier Kinder kann ich jede Zeile bestätigen. 🙂

  2. Heidi Schmidt schreibt am 22. Juni 2015 um 5:40:

    Es ändert sich sehr viel beim Urlaub mit Kind. Es ist aber dadurch nicht weniger toll. Es ist einfach anders. 🙂
    Mit der richtigen Mischung können aber Kind und Eltern den Urlaub genießen!

  3. Roland schreibt am 29. Juni 2015 um 10:14:

    *haha*
    Vieles davon kommt mir sehr, sehr bekannt vor, seitdem wir mit unserem Kleinen in diesem Monat das erste mal in den Süden geflogen sind.

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