Raúl Krauthausen im Rollstuhl bei Freunden

Raul KrauthausenRaúl Krauthausen wurde mit der genetischen Besonderheit Osteogenesis imperfecta geboren, die im Volksmund „Glasknochen“ genannt wird. Aufgrund dessen ist er kleinwüchsig und verwendet einen elektrischen Rollstuhl. Er spricht mit uns über alltägliche Hürden in seinem Leben im Rollstuhl.

Raúl Krauthausen ist Aktivist, er gründete 2004 den Verein Sozialhelden, eine Denkfabrik, aus der diverse soziale Projekte wie Wheelmap.org, Leidmedien.de und Pfandtastisch helfen! entstanden sind. Dafür wurden die Sozialhelden unter anderem mit dem Deutschen Engagementpreis und dem Smart Accessibility Award ausgezeichnet. Der Berliner studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation sowie Design Thinking. Raúl Krauthausen setzt sich für die Belange von Menschen mit Behinderung, für Barrierefreiheit und Inklusion ein. Dafür erhielt Krauthausen 2013 das Bundesverdienstkreuz am Bande. 2014 erschien sein Buch “Dachdecker wollte ich eh nicht werden”, seit 2015 hat er eine eigene TV-Talkshow „Krauthausen – face to face“.

Schlüsseldienst statt Kaffee

„Einmal als ich einen guten Freund besuchte, wollte er vor dem Kaffeetrinken nur noch schnell den Müll rausbringen. Weil ich ja da war, warf er kurzerhand die Tür ins Schloss. Als er vom Müllcontainer wiederkam, klingelte er – aber musste vor verschlossener Tür stehen bleiben. Denn ich kam von Innen einfach nicht an die Türklinke. Es blieb uns nichts anderes übrig als den Schlüsseldienst zu rufen.“

Meistens ist Raúl Krauthausen in seinem hochmodernen E-Rollstuhl unterwegs, den er mit einem Joystick lenkt und dessen Sitzfläche höhenverstellbar ist. So kommt er problemlos an die meisten Dinge des alltäglichen Lebens heran.

Was der schwere elektrische Rollstuhl nicht schafft ist Stufen steigen. Krauthausen kann in seinem E-Rollstuhl keinesfalls eine Treppe hinaufgetragen werden, denn das massive Gerät wiegt circa 150 kg. Deshalb steigt der Berliner regelmäßig in seinen kleineren, viel leichteren Rollstuhl um, wenn er Freunde besucht, die nicht im Erdgeschoss wohnen.

Dieser Rollstuhl ist nicht elektrisch, sondern wird mit den Händen fortbewegt; ein üblicher Rollstuhl, wie man ihn häufig sieht. Allerdings in Kindergröße. Damit sinkt dann allerdings auch Krauthausens Wirkungsradius. Türklinken sind ohne den höhenverstellbaren E-Rollstuhl unerreichbar. Wie so oft steckt die Tücke eben im Detail.

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Mit Eimer und Wischlappen

„Herbst und Winter sind oftmals ungünstige Monate für Rollstuhlfahrer. Man hat nicht nur Probleme auf vereisten Wegen – klebrige Blätter, Schneematsch oder Rollsplitt bleiben auch noch an den Reifen hängen. Und wenn laufende Menschen dann ihre dreckigen Schuhe an der Haustür abstellen können – kann ich meine schmutzigen Rollstuhlräder ja nicht mal eben abschrauben und draußen lassen.”

Was also tun, wenn man Freunde besucht, die Teppichboden oder Parkett in ihrer Wohnung haben? Die Reaktionen der Gastgeber sind unterschiedlich. Die einen reagieren entspannt und finden alles ganz undramatisch. Aber ob sie einfach höflich sein wollen und eine für sie unangenehme Situation überspielen – Krauthausen ist sich da manchmal nicht so sicher.

Die anderen bringen Eimer, Schwamm und Handtücher – und fangen an den Rollstuhl zu schrubben.
In jeder Hinsicht keine ganz entspannte Situation. Denn weder möchte man Bekannte mit einem ruinierten Teppich zurücklassen, noch die Ursache für aufwendige Rollstuhl-Reinigungs-Aktionen sein.

Raúl Krauthausen über „Scham“

„Mit guten Freunden spreche ich offen über die Notwendigkeiten, die ein Besuch von mir mit sich bringt. Dass ich die Treppe hochgetragen werden muss oder eine Rampe für Stufen benötige. Bei Bekannten empfinde ich es schon als schwieriger. Ich möchte niemanden dazu bringen etwas zu tun, was er eigentlich nicht will oder ihn überfordert.“

Die meisten Menschen, die Raúl Krauthausen treffen, erleben ihn in seinem elektrischen Rollstuhl. Der erlaubt ihm maximale Selbständigkeit – ist aber wie erwähnt auch groß, schwer und kann auf keinen Fall eine Treppe hochgetragen werden. Wenige Stufen lassen sich allerdings problemlos mit einer Rampe überwinden.
„Eine Freundin, mit der ich bis spät in die Nacht unterwegs war und die mich noch auf einen Kaffee zu sich nach Hause einladen wollte – lieh sich kurz entschlossen die Rampe der Kneipe bei ihr um die Ecke aus. Manchmal muss man sich eben zu helfen wissen.“

So einen entspannten Umgang wünscht sich Krauthausen. Allerdings erlebt er häufiger, dass Bekannte die Vorstellung, von einem Rollstuhlfahrer besucht zu werden, als problematisch empfinden. Schnell passiert es, dass sie vorschlagen, bei ihm vorbeizukommen. Oder sich in einem barrierefreien Café zu treffen.
Der Aktivist versucht grundsätzlich, seinem Gegenüber Unsicherheiten zu nehmen und Möglichkeiten aufzuzeigen. Mittlerweile verzichtet er bei diesem sensiblen Thema aber immer häufger darauf. Niemand mag das Gefühl, sich bei jemandem einzuladen. Dabei findet Krauthausen es spannend, das Zuhause von anderen kennenzulernen – ein Aspekt, der dann oft fehlt.

Unterstützung durch den Assistenten

“Durch meine Behinderung kann ich bestimmte Dinge nicht alleine machen. Deshalb benötige ich täglich Assistenten. Das sind keine Pfleger, sondern Menschen, die eingreifen, wenn ich selbst etwas nicht kann: Mir Dinge zureichen, beim Anziehen helfen, mich die Treppe hochtragen oder meinen analogen Rollstuhl schieben, weil mir die Kraft fehlt, mich damit alleine über größere Distanzen fortzubewegen. Aber gerade, wenn man Freunde besucht, die weiter weg wohnen, stellt sich die Frage: Wohin mit dem Assistenten?”

Das intime Gespräch über persönliche Themen, Probleme und Liebesleben macht Freundschaften so besonders. Wenn Krauthausen dann aber mit seinem persönlichen Schatten – dem Assistenten – auftaucht, wird es schwierig. Schließlich möchte man nicht unhöflich erscheinen. Da ein Assistent eben kein Pfleger ist, keine “Dienstkleidung” trägt und meistens im eigenen Alter ist – fühlt man sich ein bisschen, als habe Krauthausen einen Freund mitgebracht.

Um es den Freunden und Bekannten leichter zu machen, hat der Aktivist klare Absprachen mit seinen Assistenten: Nachdem alle notwendigen Arbeiten getan sind, geht der Assistent und kommt erst zur verabredeten Zeit wieder. “Leider bleibt die Spontaneität so manchmal ein bisschen auf der Strecke – denn einfach noch ein bisschen länger bei Freunden bleiben, weil es gerade so schön ist, geht nicht. Schließlich muss das alles auch mit den Arbeitszeiten des Assistenten vereinbar sein.”

Barrierefreie Wohnungen

„Meine vorherige Wohnung war ein absoluter Zufallstreffer. Ich war gerade unterwegs, als ich in einem Schaufenster ein großes „Zu vermieten“-Schild sah. Es gab vor der Ladentür keine Stufe und was man von den Räumlichkeiten erkennen konnte, sah vielversprechend aus. Ich bewarb mich ohne lange nachzudenken. Mein einziger Konkurrent war ein Dönerimbiß. Und weil zuvor ein Klamottenladen in den Räumlichkeiten war, hatte der Vermieter Bedenken, dass die anderen Mieter mit einem Restaurantbetrieb nicht einverstanden wären. So bekam ich den Zuschlag und meine erste barrierefreie WG entstand.”

Eine ebenerdige Ladenwohnung bietet schon einmal gute Grundvoraussetzungen für einen Menschen im Rollstuhl. Trotzdem musste Krauthausen einige kostspielige Umbauten machen lassen: Es wurde ein automatischer Türöffner in die Ladentür eingebaut, die mit einer Chipkarte leicht geöffnet werden konnte und dann direkt aufschwang. Schwere Haustüren, die möglicherweise noch mit einem mechanischen Türschließer versehen wurden, sind für viele Menschen im Rollstuhl problematisch. Außerdem wurden in der Wohnung des Berliners alle Türschwellen entfernt und pflegeleichtes Laminat verlegt. Der Vermieter gewährte im Gegenzug für einige Monate Mietfreiheit.

Damit eine Wohnung als „barrierefrei“ gilt, müssen unter anderem folgende Kriterien erfüllt werden:

  • Eingangsbereich stufenlos oder über eine Rampe erreichbar
  • falls nicht im Erdgeschoss: Aufzug
  • breite Türen und Bewegungsfreiheit in der Wohnung
  • Küche in der Höhe angepasst
  • ebenerdige Dusche im Bad
  • keine Türschwellen

Zusätzlich gibt es Bedürfnisse an eine Wohnung, die von der Art der jeweiligen Behinderung abhängig sind. Benötigt ein Mensch einen Hebelifter und einen E-Rollstuhl, dürfen Räume nicht zu klein, Flure nicht zu verwinkelt sein. Ist ein Mensch kleinwüchsig, werden Lichtschalter, Türklinken, Waschbecken und Küchen in üblichen Größen zum Problem. Weiche Teppichauslegware ist schwierig für Rollstuhlfahrer. „Man fühlt sich ein bisschen wie eine auf den Rücken gefallene Schildkröte, die man anschubsen muss, damit sie weiterkommt.“

Einfach machen

„Einen Menschen im Rollstuhl zu sich nach Hause einzuladen, ist weitaus unkomplizierter, als so mancher es sich vielleicht vorstellt.“

Menschen mit Behinderung kennen ihre Möglichkeiten und Grenzen sehr gut. Selbstverständlich sind sie sich dessen bewusst, dass Stufen überwunden werden müssen, wenn sie einen Bekannten besuchen, der im dritten Stock wohnt. Geht es nach Krauthausen, kann der Gastgeber aber ganz entspannt erstmal davon ausgehen, dass er selbst nicht automatisch die Verpflichtung hat, eine Lösung zu suchen.

Raúl Krauthausen wurde von seinem Assistenten auch schon mal ins fünfte Stockwerk getragen, weil ein Aufzug fehlte. „Freunde von mir, die ebenfalls im Rollstuhl sitzen, aber mobiler als ich sind, robben einfach Treppenstufen hoch. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Hauptsache, man sitzt schließlich gemütlich zusammen, trinkt einen guten Kaffee und genießt die gemeinsame Zeit!“, so das Fazit von Krauthausen.

Weitere Informationen rund um das Thema „Wohnen“ finden Sie auch in unserem Themenschwerpunkt „Schutz vor Einbruch, Unfall und weiteren Gefahren“.

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