Perfekte Eltern gibt es nicht

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Eigentlich müssten Eltern das größte Verständnis für Politiker haben, denn ihre Zeit vor den Kindern gleicht einem Wahlkampf und die Zeit mit den Kindern der Legislaturperiode. Ja, genau, bitte festhalten: Wir waren alle die perfekten Eltern! Und zwar früher, als wir keine Kinder hatten … Und dann wurden wir mit der harten Realität konfrontiert: mit unseren eigenen Kindern.

Hier habe ich die wichtigsten Dinge, die wir uns damals vorgenommen haben, dem gegenübergestellt, was dann eintrat – mit ganz viel Input aus meiner Tollabea-Community. Denn ich habe sie nach Beispielen gefragt und diese vermischen sich hier mit meinen eigenen Erfahrungen als Mutter, die mit dem Kind bereits alle Phasen bis zur Volljährigkeit durchlaufen hat. Vorneweg aber ein Zitat aus der Community, das die Sache absolut erfasst – Brigitte S. schreibt: „Bevor ich ein Kind hatte, wusste ich genau, wie das mit der Erziehung geht. Dann, als ich mein Kind hatte, wusste ich nur noch eines: Dass ich nichts wusste!“

1. Von „Kind schläft im eigenen Bett“ zu „Egal wie, Hauptsache Schlaf“

Das ganz große Thema ist: Schlafen. Es ist ja auch der härteste Entzug, den man als Eltern zu überwinden hat. Und es ist gleichzeitig das, was man in jugendlicher Ignoranz leicht unterschätzt: Nachts nicht schlafen? Easy! Das hat man bei ‘zig tausend Partys mitgemacht! Und dann geht man doch auf dem Zahnfleisch. Übermüdung ist die Entschuldigung für alles, was im Nachhinein kommt.

Ich kann mich noch gut erinnern, eigentlich hätte ich gewarnt sein müssen, denn ich habe als Teenager meine eigene Schwester mit zwei kleinen Kindern erleben dürfen … In unendlicher Arroganz dachte ich: „Stecke ich locker weg. Außerdem wird MEIN Kind schlafen!“ Die ersten zwei Tage mit meinem Kind bestätigten mich in diesem Glauben: Meine Tochter  war als Januargeborene schlapp und müde, hatte mit Gelbsucht zu kämpfen und wir mussten sie zum Trinken wecken. Ich war so froh, sie mit offenen Augen zu sehen! Schon einige Tage später relativierte sich alles … und schon waren wir mittendrin. Aufwachrhythmus alle zwei Stunden. Kurz darauf war es mir egal, auf welchem Sofa, Matratze, Liegematte, Stuhl, Autositz oder sonst etwas halbwegs liegefähigem Schaumstoffmöbel sie, ich, oder wir beide zusammen lagen. Hauptsache: Schlaf!

Auch Jessica, die Bloggerin hinter FeierSun.de schreibt: „Noch am Tag vor dem Blasensprung war ich der Meinung, dieses Kind schlafe in seinem eigenem Zimmer. Schließlich hatten wir das Schlafzimmer geräumt und da stand eine super tolle Wiege drinnen. Tja, und dann kam die Motte auf die Welt und ich baute noch am Tag des Nach-Hause-Kommens die Wiege mit dem Mann zum Beistellbett um. Das allerdings nur als Rausfallschutz für Mama fungierte …“

Bei diesem Spruch…

… meldeten sich über 100 Eltern, die mitfühlen konnten und sagten, bei ihnen sei es ganz genauso! Und ein Detail dazu spiegelt sich in diesem Zitat von Nadja S: „Ich hatte fest vor, keinen Schnuller zu geben, nach 6 Wochen am kleinen Finger nuckeln gab es den Schnuller doch … “ Merke wohl: Der Schnuller gehört auch zu den Top-Kompromissen auf der Eltern-Nachgiebigkeits-Liste. Aber es gibt auch weitere Bereiche.

2. Vom supergesunden Immer-Bio-Gemüse-Vorhaben, gesittet am Tisch –  zu „Egal, Hauptsache Kalorien im Bauch“

Das Thema Ernährung ist ganz groß in der Diskussion! Natürlich wollten alle vorbildlich stillen, erst spät zufüttern, den Babybrei selbst machen und auf jeden Fall auf supergesund setzen, und es auch durchsetzen. Aber es kommt immer alles bekanntlich anders … Und dann ist der Griff zu dem, was die Industrie bereit stellt, doch die einfache Lösung.

Die meisten wollten Zuckerkonsum bis drei oder vier Jahren unterbinden – auch ich! Aber mit Oma hatte ich nicht gerechnet! Bereits die erste Adventszeit, als meine Tochter noch kein Jahr alt war, kündigte sie ein Päckchen an. Der Postbote lieferte ab, ich legte es auf dem Boden, war kurz abgelenkt und … zack! Ich sah meine kleine Entdeckerin mit verschmierten Händen und Gesicht, glücklich Schokolade mampfend. Das war’s.

Hinsichtlich weiterer Ernährung habe ich Glück gehabt: Meine Tochter ist eine gute Esserin und sie mochte selbst Brokkoli und Blumenkohl von Klein auf … aber ich weiß von vielen befreundeten Eltern, wie die Ansprüche sinken. Oft essen die Kinder kaum etwas Gesundes und leben von “Nudeln mit ohne Soße und Toast mit gar nix drauf“, angereichert mit vielen Schokoriegeln, Gummibärchen und Marshmallows. „Und irgendwie wachsen sie alle doch, irgendwie ist ein wenig Nährstoff in allem!“, stellt Anja D. fest.

Im Zweifelsfall … vom Boden.

Eltern

3. Von der souveränen Konfliktschlichtung zum reinen „einfach-nur-atmen“, wenn das Kind einen Anfall hat

Jeder von uns hat als Kinderloser schon mal in einem Supermarkt oder auf der Straße eine Szene beobachtet, wie sich ein Kind schreiend auf dem Boden wälzt und das dazugehörige Elternteil völlig machtlos ist. Oder gar selbst schreit! UN-MÖ-GLICH!!! Oh, was haben wir alle gedacht, dass wir das anders in den Griff haben würden, und sogar besser als die Supernanny es je denken würde!

Weit gefehlt!

Katja K. gesteht: „Ich dachte, dass man Wutanfälle/ Geschrei verhindern könne, wenn man den Kindern alles erklärt und immer schön geduldig ist. Hahahaha, total lustig im Nachhinein …“

Bianca P. bringt das noch humoristischer rüber – denn sie hatte vor, „IMMER ruhig und souverän zu sein und niemals laut zu werden. Herrin der Trotz-, äh, Autonomiephase, mit einem beruhigenden Lächeln im Gesicht und stets nur lieben Worten auf den Lippen … Vivi, komm da runter, verdammte Hacke!!! Red’ ich Chinesisch?!“

Meine Erfahrung ist: Wenn man es schafft, einfach nur ruhig zu bleiben und zu atmen, ist schon alles gewonnen. Und es geht vorbei. Irgendwann.

4. Von der intelligenten Kommunikation hin zu … „was kommt raus aus meinem Mund?“

Kinder zu haben verändert das Kommunikationsverhalten – und zwar sowohl gegenüber den Kindern, als auch gegenüber der Erwachsenenwelt.

Mone V. wunderte sich über die Tendenz, die Redewendungen der eigenen Eltern zu übernehmen: „Ich hatte mir fest vorgenommen, niemals den einen Spruch meiner Eltern zu sagen! Aber mein Pubertier (Mädchen 13), hat mich letztens echt an den Rand des Wahnsinns getrieben. Kam von ganz alleine: Solange du die Füße unter unseren Tisch ……! – und das noch in der gleichen Tonlage wie meine Mutter damals. Ich wusste in diesem Moment nicht, ob ich über mich lachen oder weinen sollte …“

Und Anja S. amüsiert sich: „Ich fand es immer albern, wenn mir jemand etwas vom Kind bzw. über das Kind mit den Worten erzählt: << Wir haben Bauchschmerzen!>> Tja. Irgendwann verkündete ich meiner Freundin freudestrahlend: <<Wir tragen jetzt Windelgröße 3! >> AUTSCH!“

5. Von Gender-neutralen Klamottenvorhaben zu „Egal, Hauptsache einigermaßen wetterkonform“

Interessanterweise habe ich zu diesem Thema meistens Mädchen-Eltern-Kommentare erhalten. Und da ich selbst Mädchen-Mutter bin, weiß ich, dass es ein Thema ist: Wer die ganze Rosa-Pink-Wolke abzuwehren versucht, bekommt ein Hello-Kitty-Glitzer-Tsunami ab! Und wenn es draußen windet und schneit, ist die ästhetische Diskussion nicht mehr so wichtig als: Füße warm. Ohren warm. Hals geschützt. Mit jedem Temperaturgrad weniger schwindet ein Stück Prinzipienreiterei in jeder Familie!

Und überhaupt. Jen D. hatte vor: „Ich ziehe meiner Tochter nie diese furchtbar pinken Sachen an …“ Ergebnis: „Tochter liebt pink und Glitzer und ist zur Tussi mutiert!“ und bei Nadja S. war es ähnlich: „Pinke Mädchensachen nur wenn es nicht anders geht, jetzt hat sie den ganzen Schrank voll von dem Zeug und liebt es auch noch. Sie wird kein typisches Mädchen, aber die kleine Maus hat jetzt schon alles in Schmuck verwandelt, was sie finden kann (Lätzchen als Kette, Stapelringe als Armreifen, Haargummis als Armschmuck, Haarspangen von Mama) und das, wo ich selbst Schmuck nur zu Feiertagen trage …“

6. Von Medien-Enthaltsamkeit bis zum Elektronischen Babysitter

TV und Tablets wollten die meisten Eltern gar nicht bis sehr dosiert einsetzen. Auch ich. Aber dann war Punkt 1, also Schlafen, gerade am Samstagmorgen so notwendig, dass ich damals die Qualitäten des Kinderprogramms bei SAT.1 schätzen gelernt habe. Auch andere Eltern haben im Laufe der Zeit gelernt, Kinderprogrammen und Computerspiele doch nicht mehr ganz zu verachten.

Auch die blinkenden, lauten Spielzeuge schafft man nicht ganz zu verbannen, wie Ellin P. schreibt: „Ich wollte keine Spielsachen, die laute, nervige Geräusche und Lieder von sich geben. Und dann hat man ein kleines Monster, das beim Wickeln nur mit Tut-tut-Autos kurz still liegen bleibt …“

Perfekte Eltern gibt es nicht – Mit jedem Kind mehr Kompromisse!

Was auch zu beobachten ist, dass jedes neue Kind weitere Aufweichungen der Eltern-Prinzipien bringt. Selbst diejenigen, die sich beim ersten Kind noch wacker entlang ihrer Vorhaben durchschlagen, geben bei mehreren Kindern dann nach. Juliane J. erzählt: “Jau, kein Zucker, kein Fernsehen. Und beim ersten Kind hat das auch ziemlich gut geklappt, sie hat von sich aus alles Süße ausgespuckt und für <<bäh>> befunden. Aber irgendwann hatten die Omas sie dann soweit … und ab Kind Nr. 2 war das alles hinfällig. Tja. Kind Nr. 4 hat mit 2 schon zielsicher seine Lieblingssendungen am Computer selber starten können …“

Trotz alledem: Wir möchte alle nie zurück!

Ja, Elternschaft weicht Prinzipien aus und entlarvt uns als echte Menschen, mit unseren Macken und unserer mangelnden Konsequenz. Dafür sind wir umso reicher an Liebe, Lebensfreude, Erfahrung. Und das ist auch gut so. Ria B. sagt es so liebevoll: „Ich hatte ganz fest vor, dass ich immer entspannt bleiben würde *muaaah* und mich nicht verändere durch die Kinder … wie bescheuert und blauäugig Frau doch sein kann. Aber viel besser ist, auch wenn es total anders geworden ist, ich liebe die Zwerge über alles und bin dankbar, dass sie mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin: ein besserer Mensch als vorher …

Alles rund um das Thema Familiengründung lesen Sie in unserem neuen Magazin.


tollabea - Béa BesteÜber die Autorin

Béa hat eine große eigene Tochter und einige Tausend weiterer Kinder, denn sie ist Schulgründerin und Bildungsunternehmerin. Mit ihrem Blog Tollabea will sie mehr Kreativität ins Familienleben bringen und überhaupt mehr Heiterkeit in Sache Lernen. Sie tüftelt an Lösungen, wie sie Eltern, Lehrern und Erziehern das Leben leichter und lustiger macht und managt eine Community mit 110.000 smarten Fans, die selbst tolle Ideen haben und sie einbringen. So werden alle schlauer – mit viel Spaß dabei.

 
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