Klettern – risikobewusster Spaß in der Vertikalen

Dirk Uhlig klettert an den drei Zinnen

Dirk Uhlig an den drei Zinnen

Wie kommt man vom Laufsport zum Klettern? Was motiviert dazu, Sturzrisiken und weitere Gefahren bei diesem Extremsport in Kauf zu nehmen? Diese Fragen klären wir im Interview mit Dirk Uhlig – Erstbegeher verschiedener Routen und begeisterter Kletterer in vielen Disziplinen.

Dirk, in den Gebirgen dieser Welt vergeht keine Woche ohne tödliche Abstürze, wie kommt es dazu?

In den Bergen gibt es immer ein Restrisiko. Vorbereitung und Material können ideal sein, das Wetter perfekt, aber eine kleine Unachtsamkeit kann schon zu ernsten Unfällen führen. Dazu drängen viele Hallenkletterer nach draußen, ohne genügend Erfahrung im Fels gesammelt zu haben. Die Unfallopfer sind zu 80 Prozent Unerfahrene, die nicht so vertraut mit den Risiken und Tücken von Mutter Natur sind.

Wenn in einem Wanderführer steht „Trittsicherheit ist äußerst wichtig“ kann sich der Wanderer nicht unbedingt vorstellen, dass es nicht mit dem Weg zur Arbeit vergleichbar ist. Oder das fürs Alpinklettern reservierte Wochenende muss unbedingt genutzt werden, auch wenn die Bedingungen nicht ideal sind. Wenn man sich regelmäßig gefährlichen Situationen aussetzt, kann sich auch eine gewisse Routine einschleifen, die zu Leichtsinnsfehlern führt. Dann vergisst selbst der beste Kletterer sein Kletterseil richtig zu knoten. Das A und O ist der PARTNERCHECK. Das bedeutet, dass dein Kletterpartner immer ein Auge auf dich hat und so Fehlerquellen verringert werden.

Wenn Risiken nicht vollständig ausgeschlossen sind: Was treibt Menschen wie Dich immer wieder in die hohen Wände? 

Ich kann dabei für fast alle Extremkletterer sprechen: Das Vorhandensein dieses Risikos ist der Grund warum wir klettern! Das Lebensumfeld heutzutage ist in der Regel so Spannungsarm und Risikofrei – man denke nur an die Vielzahl an Versicherungen die man abschließen kann 😉 – dass man genau dieses kribbeln im Bauch sucht, welches man an einem Felsvorsprung in 1.000 Meter Höhe hat.

Dirk Uhlig in einer Kletteroute auf Madagaskar

Dirk Uhlig in einer Kletteroute auf Madagaskar

 

Weil er da ist.

George Mallory, ein britischer Bergsteiger auf die Frage, warum er zum Mount Everest wollte.

Beschreibe uns doch bitte, wie Du zum Klettern kamst.

Bei den Laufwettkämpfen lag der Fokus immer auf: „Ich gewinne oder du!“ Beim Klettern ist mein Gegner zu Stein geworden. Dem ist es völlig egal, wer gewinnt. Und der Druck, genau in diesem Moment zu gewinnen, fällt beim Klettern auch weg. Hier zählt Beharrlichkeit; schließlich kann man die Kletterroute immer wieder besteigen. Ein Laufwettkampf ist nur einmal.

Der Grund für den Einstieg ins Klettern war erstmal trivial. Ich trainierte viel im Wald und konnte meine besten Ergebnisse bei deutschen Meisterschaften im Querfeldeinlauf machen. Der Begriff „Runners High“ ist mittlerweile auch in aller Munde. Dieses „high sein“ brauchte ich zu dieser Zeit regelmäßig, den psychischen Stress des Wettkampfes wollte ich damals nicht mehr haben.

So suchte ich nach Sportarten in der Natur, die ähnliche Hormonwallungen erzeugen. Triathlon, Downhillradfahren und Fallschirmspringen lagen noch auf dem Weg zum Kletterer. Das Auseinandersetzen mit sich selbst und seinen Fähigkeiten ist die spannendste Komponente des Kletterns.
Nach vielen Jahren ohne Wettkämpfe messe ich mich aber wieder mit anderen Kletterern. Die Auseinandersetzung mit mir selbst beim Klettern hat mir so viel mentale Stärke gegeben, dass ich nun wieder mit voller Energie in einen Wettkampf gehen und meine Leistung voll ausschöpfen kann.

Klettern steigert nicht nur Fertigkeiten, sondern auch das Selbstwertgefühl, hilft gegen Ängste und die Top-Bikinifigur ist auch nicht zu verachten.

Wie sind Unfälle beim Sport versichert? Der Unfallexperte Andreas Strobel im Interview.  

Was rätst Du Kletteranfängern, was sie können sollten, bevor sie lange Routen in den Bergen klettern?

Als ein Geschäftsführer der Boulderhalle E4 in Nürnberg bekomme ich diese Frage öfter gestellt. Beim Bouldern in der Halle klettert man in Absprunghöhe mit einer weichen Matte als Sicherung. Diese Disziplin ist mittlerweile sehr eigenständig und ermöglicht es, ohne alpine Gefahren, wie Wetter und Felsbeschaffenheit, das Klettern zu erlernen.

Eine Bewegungssequenz beim bouldern, dem Klettern an kurzen Routen ohne Seilsicherung

Schematischer Ablauf einer Bewegungssequenz beim Bouldern in der Halle

Vor allem kann man sich so ein breites Bewegungsrepertoire aneignen, das auch bei der Bewältigung von Kletterpassagen hilft. Dazu muss natürlich der Umgang mit Sicherungsmaterial (Seil, mobile Sicherungsmittel, etc.), das Zeitmanagement am Berg, Lesen von Routen und die Wettereinschätzung erlernt werden. Ohne alpine Gefahren kann man übrigens auch vor unserer Haustür, in der fränkischen Schweiz, klettern.

Der normale Weg zu den großen Unternehmungen ist letztlich, wie bei allem, „vom Kleinem zum Großen“ und „vom Leichten zum Schweren“. Frei nach dem Motto „nur ein alter Bergsteiger ist ein guter Bergsteiger“ sollte man immer über den Tellerrand schauen und seine Fähigkeiten und Fertigkeiten verbessern. So ist man bestens für große Unternehmungen gerüstet.

Dirk Uhlig beim Klettern am Devils Tower in Wyoming, USA

Stark gespreiztes Klettern am Devils Tower in Wyoming, USA

Bouldern, Alpinklettern, Sportklettern, ich dachte, es gibt Halle und draußen … – Klär uns doch mal bitte über die verschiedenen Disziplinen auf.

Man kann die Arten am ehesten mit einem Essen vergleichbar machen, hier mal eine kleine Auswahl:

  • Bouldern – der schnelle Snack – ein Boulder hat meist wenige Züge, die es aber in sich haben können
  • Sportklettern – die Hausmacherplatte – erwartbare Schwierigkeiten mit zumeist guter Absicherung
  • Alpinklettern – extra scharf gewürzt – man muss sich den Weg selbst suchen und die Absicherung verlangt ein gutes Nervenkostüm
  • Mehrseillängen – das Menü – dauert lang, erfordert viel Ausdauer und man muss mit vielen Risiken umgehen
  • Bigwall – all you can eat – man verbringt einige Tage in der Wand. Ausrüstung und Verpflegung sollte man so viel dabei haben, dass es bis zum nächsten Bodenkontakt reicht
  • Eisklettern – das Überraschungsmenü – Eis ist unterschiedlich dick und hart und die Bedingungen ändern sich sehr schnell – für sehr erfahrene Kletterer
Klettern im Sandstein

Moonlight Buttress – eine Mehrsseillängenroute in Utah, USA

Es gibt also je nach Art der Kletterei verschiedene Gefahren. Hast Du schon einmal zu spät abgebrochen oder Dich so richtig in Gefahr gebracht? 

Die ersten Jahre meiner „Kletterkarriere“ waren haarstreubend. Ich fand damals den Vergleich zu einer Katze mit sieben Leben nicht schlecht. Nach zu vielen knappen Aktionen musste ich etwas kürzer treten, um den Schutzengel nicht zu stark zu strapazieren.

Ich finde es äußerst wichtig, Fehler zu machen. Es ist natürlich nötig, dass diese Fehler nicht so fatal sind, dass man keine Chance hat daraus zu lernen. Aber im Prinzip gilt „Trial and error“. Ich wollte mich immer im Klettern verbessern und weiterentwickeln.

Man muss über seine Grenzen gehen, um sie zu verbessern. Es kann passieren, dass man in einer Wand ungeplant übernachten muss. Oder man stürzt ab und muss sechs Wochen mit Gipsbein Klimmzüge machen, weil man zwei Sekunden nicht aufgepasst hat. Zum Glück ist der menschliche Körper sehr belastbar und verfügt über eine schnelle Heilung in der Jugend. Es ist dann nur natürlich, dass man im Alter etwas bedachter an heikle Situationen ran geht.

Ist der Rückzug oder Abbruch einer geplanten Route schwerer als sich der kommenden Gefahr auszusetzen? 

Sicher habe ich einige Routen abbrechen müssen. Das verlangt aber viel Erfahrung, innere Stärke und gute Selbsteinschätzung. Das muss man erstmal lernen. Am Anfang hat es mich tagelang genervt „nicht weiter gegangen zu sein“. Mittlerweile kann ich dieses „Scheitern“ in positive Energie ummünzen.

Ebenso kann das Scheitern an zu schweren Wegen ganz schön auf die Psyche schlagen. Meine Verbesserungen im Klettern sind unter anderem darauf zurückzuführen, dass ich die einzelnen Unternehmungen in Einzelstücke zergliedern und im Nachhinein die Fortschritte rausfiltern kann; somit überwiegt das Positive einer jeden Tour und wirkt positiv auf kommende Touren.

… der Kopf ist der wichtigste Muskel beim Klettern …

sagte Wolfgang Güllich dazu.

Danke für Deine Einschätzung und den Einblick in die Extremkletterei.

Wie sind Unfälle beim Sport versichert? Der Unfallexperte Andreas Strobel im Interview.  

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