Kinder trauern auf ihre eigene Weise

Kinder trauern„Wie kommt Papa denn in den Himmel, wenn er unter der Erde liegt?“ Solche Fragen kommen unvermittelt auf meine Freundin Clara zu. Ihre beiden Kinder Tim (4) und Elena (7) versuchen den Tod ihres Vaters zu verstehen und suchen nach Antworten. Christian, Claras Ehemann, ist vor zwei Monaten verstorben. Ein Herzinfarkt am Sonntagmorgen – ohne Vorwarnung oder Chance auf Rettung.

Den Verlust ihres Mannes zu verkraften, ist schon schwer genug. Doch auch ihre Kinder trauern und brauchen dabei Hilfe. Daher ist sie auf mich zugekommen. Durch meine Arbeit bei Bestattungen.de beschäftige ich mich jeden Tag mit dem Tod und helfe Angehörigen mit Informationen und Vergleichsmöglichkeiten im Trauerfall. Einige Informationen und Ratschläge zur Trauerbewältigung bei und mit Kindern helfen vielleicht auch Ihnen.

Kinder trauern als Pfützenspringer

Wenn ich Clara besuche, tollen Tim und Elena fröhlich herum, lachen, schreien. Von einem Moment auf den anderen wirken sie dann sehr traurig und ziehen sich zurück. Dieser abrupte Wechsel des Verhaltens hat mich zunächst erschreckt.

Unser Bild der Trauer ist beeinflusst durch gesellschaftliche Normen. Doch Kinder kennen diese kulturell geprägten Verhaltensweisen nicht und lassen auch scheinbar widersprüchlichen Gefühlen freien Lauf. Sie drücken ihre Trauer einfach anders aus als Erwachsene. Wenn man bedenkt, dass Kinder nicht auf das sprachliche Repertoire der Erwachsenen zurückgreifen können, macht es für mich vollkommen Sinn, dass Kinder ihre Trauer eher durch ihr Verhalten, zum Beispiel durch Spielen, Malen oder andere Aktivitäten ausdrücken.

Bildlich gesehen, kann man das Trauern von Erwachsenen mit dem Waten durch einen tiefen Fluss vergleichen. Ihre Trauer ist relativ konstant, bis sie das Ufer erreichen und der Trauerprozess weitestgehend abgeschlossen ist. Die Trauer von Kindern wird häufig mit dem Bild der Trauerpfütze verdeutlicht: Kinder springen in unterschiedlich breite und tiefe Pfützen hinein und auch wieder heraus. Ihre Trauer ist dynamisch, sie kommt und vergeht. Sie sollten daher nicht besorgt sein, wenn Ihr Kind keine „typischen“ Reaktionen wie Weinen oder Bedrücktheit zeigt. Kinder trauern einfach unterschiedlich: Sie können sich zurückziehen, schnell aggressiv werden oder auch unbeteiligt wirken.

Offenheit signalisieren und Sicherheit geben

Das Empfinden und Durchleben von Trauer ist immer eine individuelle Angelegenheit – sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen. Es gibt jedoch Symptome, die häufig auftreten. Das sind Schlafstörungen, körperliche Beschwerden oder gesteigerte Ängstlichkeit. Wenn Kinder sehen, wie ihre Eltern leiden, verstecken manche Kinder ihre eigenen Gefühle, um die Eltern nicht noch mehr zu belasten. Auch wenn Eltern den Kindern gegenüber keine Gefühle oder Gedanken zu dem erlittenen Verlust preisgeben, spiegeln Kinder oftmals das Verhalten der Eltern und leiden darunter. Ich rate Ihnen daher, Ihren Kindern offen zu zeigen, dass und wie sie trauern. Sprechen Sie über Ihre Gefühle und binden Sie Ihre Kinder in den Prozess der Trauerarbeit mit ein.

Kinder brauchen im Trauerfall vor allem Sicherheit und Geborgenheit. Nicht nur der Verlust belastet Kinder, sondern auch der veränderte Alltag. Daher ist es ratsam, so gut es geht die üblichen Routinen beizubehalten. Durch den Todesfall verändert sich auch die Konstellation der Familie. Wenn zum Beispiel ein Kind stirbt, wird der Bruder oder die Schwester oft ungewollt vernachlässigt, da die Eltern mit ihrer eigenen Trauer beschäftigt sind. Das ist völlig verständlich. Doch diese Veränderungen sind neben der eigenen Trauer sehr belastend für die Kinder. Merken Sie, dass Sie Ihrem Kind aufgrund der eigenen Trauer nicht genug Aufmerksamkeit schenken, sollten Sie darüber nachdenken, Hilfe von ausgebildeten Trauerbegleitern zu holen. So können Sie sich Ihrer Trauer widmen und wissen, dass auch Ihre Kinder gut versorgt werden.

Kindliche Vorstellungen vom Tod

Je nach Altersstufe empfinden Kinder den Tod als eine temporäre Abwesenheit (Kinder unter drei Jahren) oder auch als beeinflussbares Geschehen (Kinder zwischen drei und sechs Jahren). Kinder im Grundschulalter entwickeln das Verständnis für die Endgültigkeit des Todes, personifizieren den Tod aber noch, um ihn begreifen zu können. In diesem Alter erkennen sie, dass auch sie irgendwann sterben. Je älter die Kinder sind, desto mehr interessieren sie sich für Details und Zusammenhänge.

So schwer es auch ist, über dieses Thema zu sprechen: Gehen Sie auf jede Frage Ihres Kindes ein. Eine gute Methode kann es auch sein, nicht sofort zu antworten, sondern stattdessen eine Gegenfrage zu stellen. Wenn Ihr Kind beispielsweise fragt, wie es im Himmel aussieht, können Sie zurückfragen, wie es sich den Himmel vorstellt. So erhalten Sie einen wichtigen Einblick in die Gefühle und Gedanken des Kindes. Generell ist es ratsam, wenn Sie Ihrem Kind nicht zu viel im Vorfeld erklären, sondern auf Fragen warten.

Tim hat mit seinen vier Jahren noch die Vorstellung, er könne seinen Papa ins Leben zurückholen, wenn er nur fest genug daran glaubt. Jeden Abend kann Clara das kleine Ritual ihres Sohnes miterleben. Tim setzt sich seine Zauberkappe auf, legt seine drei Lieblingsspielsachen neben sich und schickt seine Wünsche und Tauschangebote gen Himmel. „Ich gebe dir mein schnellstes Auto, wenn Papa zurückkommen darf.“ Clara erzählte mir, dass sie nie weiß, wie sie darauf reagieren soll. Ich entgegnete Clara, dass Rituale generell sehr hilfreich für die kindliche Trauerbewältigung sind. Für Kinder bis ungefähr acht Jahren ist das magische Denken ganz normal. Jeder Fantasievorstellung des Kindes sollten Sie unvoreingenommen gegenüberstehen. Wenn das magische Denken angsteinflößend ist, können Sie dem Kind dies ruhig sagen und darüber sprechen.

Viele Kinder entwickeln Schuldgefühle, da sie den Verstorbenen nicht zurück ins Leben holen können oder sich im Streit schon einmal gewünscht haben, derjenige soll tot sein. Auf diese Gefühle und magischen Vorstellungen sollten Sie eingehen und versuchen, ein offenes Gespräch mit Ihrem Kind über diese gefühlte Schuld aufzubauen. Auch Erwachsene können Schuldgefühle entwickeln, wenn sie beispielsweise überlegen, ob sie nicht Anzeichen für den nahenden Tod übersehen haben. So ist es doch völlig normal, wenn auch Kinder diesen unkontrollierbaren Prozess des Sterbens irgendwie begründen wollen. Gemeinsam können Sie daran arbeiten, diese Schuldgefühle loszulassen.

Lesen Sie weiter im zweiten Teil „Den Tod für Kinder begreifbar machen“.

Weitere Informationen rund um das Thema „Tod und Trauern“ finden Sie auch in unserem Themenschwerpunkt

 
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