„Ein großes Problem ist das Alleingelassenwerden.“

Interview mit AGUSVier Fragen an Diplom-Sozialpädagogin Elisabeth Brockmann, Leiterin der Bundesgeschäftsstelle AGUS e.V. – Angehörige um Suizid.

 

Sylvia Tichai: Welche Unterstützung bietet Ihr Verein den Suizidtrauernden?

Elisabeth Brockmann: Wir bieten ganz individuelle Hilfe. Jemand, der erst vor wenigen Tagen einen Suizid erleben musste, braucht andere Unterstützung als jemand, der schon länger trauert. Der eine liest viel, der andere möchte lieber reden oder beten. Wir überlegen gemeinsam mit den Betroffenen, was passen könnte und was schnell verfügbar ist. In jedem Fall kann der Trauernde anonym bleiben.

Je nach Bedarf beraten wir direkt am Telefon oder per E-Mail. Außerdem geben wir die Erfahrungen von ähnlich Betroffenen weiter. Einerseits in Form von Informationen auf unserer Internetseite, beispielsweise zur Todesart Suizid und zur Trauer danach. Andererseits verschicken wir auf Wunsch gerne Faltblätter, Berichte von Betroffenen oder geben Buchempfehlungen. Unsere Unterlagen und Angebote sind kostenlos.

Ein Austausch mit anderen Hinterbliebenen ist in unseren bundesweit über 60 Selbsthilfegruppen möglich, bei unseren Wochenendseminaren für Suizidtrauernde oder bei der AGUS-Jahrestagung.

Trauernde, die einen Besuch in einer Selbsthilfegruppe nicht in ihren Alltag integrieren können oder möchten, finden in unserem moderierten Internetforum Gesprächspartner. Im Schutz der Anonymität ist auch da ein vertrauensvoller Austausch sehr gut möglich.

Sylvia Tichai: Was können Mitmenschen für Hinterbliebene tun?

Elisabeth Brockmann: Ein großes Problem ist das Alleingelassenwerden. Freunde und Bekannte gehen oft auf Distanz und melden sich nicht mehr. Das passiert meistens aus Hilflosigkeit angesichts der Todesursache. Überforderung besteht auch für die Art der Beileidsbekundung. Die Hinterbliebenen fühlen sich dadurch zusätzlich im Stich gelassen, isoliert und stigmatisiert.

Deshalb ist es wichtig, keine Berührungsängste zu haben. Einfach da zu sein und zusammen mit dem Trauernden das Schreckliche auszuhalten. Auch wenn immer wieder die gleichen Fragen kommen, auf die es oft keine Antwort gibt.

Es hilft natürlich, wenn man sich zu den Themen Suizid, Trauer und Suizidalität informiert. Dabei wird man sensibilisiert – auch für eine angemessene Wortwahl. „Selbstmord“ sollte man zum Beispiel nicht sagen, denn Mord ist ein schweres Verbrechen. Besser sind wertfreie Begriffe wie „Suizid“ oder „Selbsttötung“.

Der richtige Weg nach einem Suizid

Sylvia Tichai: Dass der Angehörige sich selbst das Leben genommen hat – kann man das offen ansprechen?

Elisabeth Brockmann: Grundsätzlich sollte man schon offen mit der Situation umgehen und auch über den Verstorbenen sprechen. Man merkt ja an der Reaktion, wie das aufgenommen wird. Wer es erträgt, sollte anbieten, dass er dem Hinterbliebenen für Gespräche zur Verfügung steht.

Genauso wertvoll ist praktische Hilfe. Die Betroffenen haben oft keine Kraft, selbst nach Unterstützungsmöglichkeiten zu suchen. Aber man kann sie auch dadurch entlasten, dass man einfach nur Suppe kocht, die Kinder zum Sport fährt usw.

Gerade Kinder müssen merken, dass es Erwachsene gibt, auf die man sich verlassen kann. Auch wenn der Papa weg ist und die Mama im Moment nicht dazu in der Lage. Ein Stück Normalität aufrechtzuerhalten gibt Sicherheit und ist sehr wichtig.

Sylvia Tichai: Ist nach dem Suizid eines Angehörigen irgendwann wieder ein normales Leben möglich?

Elisabeth Brockmann: Das Leben nach einem Suizid ist anders – es gibt ein Davor und ein Danach. „Anders“ kann auch gut sein: Es ist möglich, wieder ein lebenswertes Leben zu führen.

Dazu braucht es viel Unterstützung, viel Kraft und Zeit. Bei einer Selbsttötung trauert man länger als bei anderen Todesarten. Natürlich hängt das auch davon ab, wie die Beziehung zu dem Verstorbenen war. Aber irgendwann kann man vielleicht nicht mehr nur an seine entsetzliche letzte Entscheidung denken, sondern auch an die positiven Dinge, die man vorher mit ihm erlebt hat.

Dazu muss man sich komplett neu sortieren. Schließlich ist ein großes Stück Unbeschwertheit weg. Aber wenn man sich zum Beispiel irgendwann versöhnlich an den Toten erinnern kann, dann ist ein lebenswertes Leben wieder möglich. Die Trauer kann zu einem Teil der eigenen Biografie werden, ohne das ganze Leben zu bestimmen.

Lesen Sie auch den Beitrag „Trauerbewältigung bei Suizid“ für weitere Informationen über Hilfsangebote für Hinterbliebene.

Weitere Informationen rund um das Thema „Tod und Trauern“ finden Sie auch in unserem Themenschwerpunkt

Was sagen Sie zu diesem Thema?

Kommentar verfassen:

Bei der Verarbeitung von personenbezogenen Daten beachten wir die Vorschriften der EU-Datenschutz-Grundverordnung.
Ausführliche Informationen finden Sie im Datenschutzbereich unserer Webseite.

Hiermit erkläre ich mich mit der Netiquette einverstanden

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben.

Alle Felder mit einem * sind Pflichtfelder und müssen ausgefüllt werden.

*

Weitere Inhalte werden geladen...