Großeltern werden immer wichtiger

Großeltern

Die Hände sind faltig. Der Blick ist wach. Die Stimme klar und bestimmt. Wir sind zu Besuch bei der 95-jährigen Urgroßmutter meiner Kinder. Geboren 1921, in jenem Jahr,  in dem Charly Chaplins Film „The Kid“ seine Premiere in New York feierte. Und in jenem Jahr, als in Amerika die erste Miss-Wahl stattfand.

 

Uroma Eleonore sitzt am Fenster und legt ihre Hände auf den Kopf der Kinder. Was diese Hände schon gearbeitet haben. Was diese Augen schon alles gesehen haben: Einen Weltkrieg, Hunger und Elend. Und trotzdem erzählt die alte Frau heute, wie sie in einer Bomben-Pause das Grammophon aufgestellt hat und mit ihrem späteren Ehemann tanzte. Und wie sie im Heustadl ihren ersten Kuss bekam. Die Augen sehen schon schlecht, aber dennoch sind sie interessiert und sanft. Und sie beäugen die Urenkel ganz liebevoll und genau. Eine Art Lebenswerk, auf das die betagte Frau da gerade zurückblickt, wenn ein kleiner Junge auf ihrem Schoß sitzt.

 

Großeltern sind ein wichtiger Familienbestandteil

Dass wir mit einer 95-jährigen Urgroßmutter gesegnet sind, ist eine echte Ausnahme. Das wissen wir und besuchen Sie gerne, auch wenn sie 200 Kilometer entfernt wohnt. Natürlich sind auch die Großeltern ein wichtiger Bestandteil unserer Familie. „Die Beziehung zwischen Enkeln, Großeltern und auch Urgroßeltern ist heute viel enger als noch in der Generation davor“, sagt der Familiensoziologe Prof. Dr. François Höpflinger von der Universität Zürich. Laut einer aktuellen Studie sind nämlich die Großeltern wichtiger denn je. Durch die hohe Lebenserwartung können Enkel, Groß- und Urgroßeltern eine ganz andere Bindung aufbauen. Die Ruhe, die alte Menschen meist ausstrahlen, bietet den Kleinen außerdem einen wichtigen Gegensatz zu lauten Kindergartentagen oder vollen Nachmittags-Stundenplänen. Es ist Fakt, dass durch die doppelte Erwerbstätigkeit der Eltern besonders den Großeltern eine wichtigere Rolle in der Betreuung zugeschrieben wird, als das früher der Fall war.

 

Für Kinder ist es außerdem wichtig zu sehen, dass die ältere Generation vieles anders macht als die Eltern – und manches davon vielleicht auch etwas gelassener. Denn die älteren Herrschaften bringen oft viel Zeit und Ruhe mit. Die Kinder lernen außerdem, dass es neben ihren Eltern noch andere Menschen gibt, die sie lieben und denen sie vertrauen können – das gilt vor allem für die Großeltern, die oft fester Bestandteil des Alltags sind.

Großeltern

Geschichten die unter die Haut gehen

Klar, unsere Urgroßmutter kann nicht Babysitten, aber sie ist dafür ein wandelndes Geschichtsbuch.Sie erzählt gerne wie es früher war. Von Krieg und von Frieden. Von guten und von schlechten Zeiten. Dass alles irgendwie immer gut wird, und dass unser heutiger Wohlstand nicht selbstverständlich ist: „Wenn ich als kleines Mädchen zu Weihnachten ein Bonbon bekommen habe, dann habe ich das ganz andächtig gelutscht. Das war mir heilig. Und manchmal habe ich das Bonbon dann in einem Stofftaschentuch aufgehoben, um am nächsten Tag noch mal lutschen zu können.“

 

Unvorstellbar heute, oder? Aber die Geschichten gehen unter die Haut. Vielleicht verstehen sie die Kinder heute noch nicht, aber irgendwann werden sie sich daran erinnern. Vielleicht wenn sie selbst einmal betagt sind. Denn ein langes Leben, ein Altern in Würde und Gesundheit. Das ist es doch, was wir uns alle wünschen. Und auch dafür hat Uroma Eleonore das Patentrezept: „Viele klagen  beim Älter werden. Ich klage nicht, weil älter werde ich so oder so. Da kann ich auch fröhlich sein.“ Und vielleicht ist es ja gerade diese Fröhlichkeit, die ihr ein langes und gesundes Leben schenkt. Und hoffentlich bald den ersten 3-stelligen Geburtstag…


Gastbloggerin von einerschreitimmerÜber die Autorin

Anne hat Zwillinge. Weil ständig eines ihrer Kinder brüllt, betreibt sie den Zwillingsblog „Einer schreit immer – die Wahrheit über das Leben mit Zwillingen“. Anne macht „irgendwas mit Medien“, hat acht Hände und viel Humor. Sie wartet einstweilen auf ihre Nominierung für den Pulitzerpreis. Insgeheim wünscht sie sich zur Mutter des Jahres gewählt zu werden. Die Chancen dafür stehen aber leider schlecht, weil ihr jedes Mal die Realität frech ins Gesicht lacht und ihre Pläne böse kreuzt.

Erfahren Sie mehr rund um  das Thema „Leben im Alter“ in unserem aktuellen Online Dossier.

 

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