Unfälle zuhause vermeiden

Dr. Woelk Unfallexpertin

Dr. Susanne Woelk, Expertin für Unfallsicherheit, im Interview mit ERGO Direkt.

Man hört und sieht in den Medien von schlimmen Unfällen. Doch während in den Nachrichten meist von Verkehrsunfällen die Rede ist, scheint es zuhause viel gefährlicher zu sein als auf den Straßen. Denn in den eigenen vier Wänden ereignen sich die meisten Unfälle. Ich will es genau wissen und frage eine Expertin für Unfallsicherheit: Wo lauern wirklich die größten Gefahren in deutschen Haushalten?

Dr. Susanne Woelk ist eine anerkannte Expertin für Unfallsicherheit im Heim- und Freizeitbereich. Seit 2001 ist sie als Geschäftsführerin der Aktion DAS SICHERE HAUS (DSH) – Deutsches Kuratorium für Sicherheit in Heim und Freizeit e.V. tätig. In der DSH arbeiten Verbände und Institutionen zusammen, die sich dem Unfallschutz in Heim und Freizeit verpflichtet fühlen: Ministerien, Unfallversicherungsträger der öffentlichen Hand, der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, Berufsgenossenschaften und Hausfrauenverbände.

Andrea Tschaban: Stimmt es, dass sich die meisten Unfälle zuhause ereignen?

Susanne Woelk: Ja, das stimmt: Pro Jahr passieren in Deutschland im Haushalt circa 2,8 Millionen Unfälle – nimmt man den Freizeitbereich drumherum wie Gartenarbeit und Fußballspielen dazu, kommen drei Millionen hinzu.

Andrea Tschaban: Was ist statistisch gesehen die häufigste Unfallart?

Susanne Woelk: Der häufigste Unfall ist mit großem Abstand der Sturz. Das betrifft alle Generationen, vom Säugling bis zum Hochbetagten. Allerdings stürzen mit Abstand am häufigsten die über 65-Jährigen. Dabei kommt es zu schweren Verletzungen, wie Oberschenkelhalsbruch, die im Krankenhaus behandelt werden müssen. Etwa 6.700 Senioren über 65 Jahre sterben in Deutschland pro Jahr durch einen Unfall im Haushalt.

Andere Unfälle im Haushalt wie Verbrennungen, Verbrühungen und Strangulation passieren häufig Kindern. Diese Unfälle verlaufen zum Glück meistens glimpflich und spielen deshalb in der Statisitk der tödlch verlaufenden Unfälle kaum eine Rolle.

Andrea Tschaban: Welche sind die gefährlichsten Orte im Haushalt?

Dr. Woelk UnfallexpertinSusanne Woelk: Erstens: Küche und Bad: Dort halten wir uns am häufigsten auf und sind am aktivsten. In der Küche wird gekocht, geschnitten, aus Gläsern getrunken; sie ist der zentrale Familientreffpunkt. Im Bad gehen wir zur Toilette, duschen, baden, putzen Zähne – mindestens zwei Mal am Tag.

Zweitens: Alle Laufwege wie Flur und Treppen: Wir steigen die Stufen schnell hoch und hüpfen herunter, vielleicht wird noch eine übersprungen. Im Flur sind vom Nachhausekommen Taschen und Schuhe liegengeblieben, meist ist es dort eng und dunkel. All das begünstigt Stürze.

Andrea Tschaban: Verändern sich die Unfallarten, wenn ein Kind heranwächst?

Susanne Woelk: Sie verändern sich natürlich: Im Säuglingsalter, sobald sich Babys drehen können, häufen sich Stürze vom Wickeltisch. Man sollte deshalb darauf achten, dass der Wickeltisch an zwei Wänden anschließt oder noch besser ganz auf ihn verzichten und das Baby auf einer weichen Decke auf dem Teppich wickeln. Kleinkinder entdecken die gesamte Wohnung: Tischdecken mit heißen Getränken wegstellen, Steckdosenschutz anbringen, Putzmittel und Arznei außer Sicht- und Reichweite verräumen. Im Kindergartenalter erweitert sich der Entdeckungsradius um Hof und Garten, Keller und dem Straßenverkehr. Hier hat man allerhand zu tun, um die Kleinen immer im Blick zu haben. Im Schulalter werden zum Beispiel gerne Feuerzeuge ausprobiert.
Grundsätzlich gilt für alle Fahrrad- und Laufradfahrer im Straßenverkehr: Helm auf! Ansonsten Helm runter! Ich beobachte immer wieder Kinder auf dem Spielplatz mit Helm. Damit besteht die Gefahr zur Strangulation.

Andrea Tschaban: Was kann man tun, um das Zuhause für Kinder unfallsicherer zu machen?

Susanne Woelk: Man kann Vorkehrungen treffen: Fenster fest verschließen, Putzmittel außer Sicht- und Reichweite stellen, Aschenbecher und Alkohol wegräumen, Messer gehören in den obersten Küchenschrank – Töpfe und Schüsseln nach unten.
Das allerwichtigste ist, dass man sein Kind beobachtet: Was entdeckt es und woran ist es sehr interessiert? Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Eltern ihre Kinder beim Entdecken der Welt begleiten und unterstützen müssen. Man sollte Kleinkinder möglichst nicht aus den Augen lassen. Ich bin aber auch der Meinung, dass der eine oder andere blaue Fleck und Schrammen zur Entwicklung dazu gehören. Der Mensch lernt aus Erfahrung und insbesondere Kinder müssen einen Instinkt entwickeln. Man kann das Zuhause nicht komplett von Unfallrisiken frei halten, das ist unmöglich.

Andrea Tschaban: Passieren vermehrt Unfälle, wenn Kinder alleine zuhause bleiben dürfen? Ab welchem Alter könnten Kinder alleine zuhause bleiben?

Susanne Woelk: Ob vermehrt Unfälle passieren, wenn Kinder alleine zuhause sind, kann ich statistisch nicht belegen. Ab wann das Kind alleine bleiben kann, ist eine individuelle Entscheidung: Das hängt vom Kind ab. Kleine Kinder bis acht Jahren sollten meines Erachtens allerdings nie alleine zu Hause bleiben. Es gibt gerade Schulkinder, die sehr gerne bewusst Grenzen überschreiten. Ob man diese dann alleine zu Hause lassen sollte?! Das müssen die Eltern entscheiden.
Oft bleiben Geschwisterkinder gemeinsam alleine daheim: Hier rate ich Eltern genau abzuwägen, ob das ältere Kind wirklich in der Lage ist, die Verantwortung für das jüngere Geschwisterkind zu übernehmen. Man muss auch weiterdenken: Passiert dem kleinen Kind etwas, hat das ältere sicherlich Schuldgefühle. Will man sein Kind dieser Situation ausliefern?

Andrea Tschaban: Welche Smarthome-Lösungen können Sie zur Unfallprävention empfehlen?

Susanne Woelk: Manche Lösungen finde ich interessant. Techniken zur Fenstersicherung halte ich für eine gute Idee. Grundsätzlich kann man seine Sorgfaltspflicht aber nicht an technische Geräte delegieren. Deswegen müssen die Eltern für die Kinder bis zu einem gewissen Alter immer da sein. Man kann nicht jede Ecke in der Wohnung mit digitalen Lösungen vollstopfen. Es muss der Instinkt der Kinder gefördert werden. Am wichtigsten ist: Die Eltern sollen aufmerksam sein und die Kinder sollen sich entwickeln.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie in unserem Themenschwerpunkt „Die meisten Unfälle passieren zuhause“.

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2 Kommentare

  1. Tom schreibt am 17. September 2015 um 15:27:

    Sehr gutes Interview und ein sehr interessantes Thema. Bisher liest oder hört man so gut wie gar nichts von dem Thema Unfälle zuhause und vielleicht wird sich das in Zukunft vielleicht sogar mal ändern!

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