Trauerbewältigung bei Suizid

Trauerbewältigung bei SuizidNiemand möchte sich vorstellen, dass ein Angehöriger Suizid begeht. Doch wenn es passiert, gerät das Leben aus den Fugen. Zum Glück muss niemand seine Trauer allein verarbeiten. Unterstützung gibt es von verschiedenen Seiten.

Es ist November. Morgens auf dem Weg zur Arbeit ist es neblig und trüb. Die U-Bahn-Station scheint sehr weit entfernt. Warum muss ich mich bei diesem Wetter zu Fuß durch die nasskalte Stadt quälen?

Am Bahnsteig angekommen, dringt eine Durchsage an meine Ohren: „Wegen eines Notarzteinsatzes am Gleis verzögert sich die Einfahrt …“ Oh nein! Aus Erfahrung weiß ich, dass es dafür einen besonders traurigen Anlass geben kann: Suizid.

Wie verzweifelt muss jemand sein, um seinem Leben selbst ein Ende zu setzen? Und wie verzweifelt sind wohl die Angehörigen, wenn sie die schreckliche Nachricht erhalten? Ich frage mich, wie man die Betroffenen nach diesem schweren Schlag am besten unterstützen kann. Tröstende Worte für Hinterbliebene zu finden, fällt mir nie besonders leicht. Bei einer Selbsttötung ist es sicher noch viel schwerer.

Das Thema lässt mich nicht los. Also beginne ich zu recherchieren.

Was bedeutet ein Suizid für die Hinterbliebenen?

In Deutschland nehmen sich pro Jahr etwa 10.000 Menschen das Leben. Damit ist die Zahl der Suizidopfer rund doppelt so hoch wie die der Unfalltoten. Mit betroffen sind durchschnittlich jeweils fünf bis sieben direkte Angehörige. Die Zahl erschreckt mich. Ich kann mir vorstellen, dass großer Hilfebedarf besteht.

Dazu kommt: Wenn sich ein Familienmitglied oder ein Freund das Leben nimmt, trauern die Hinterbliebenen in der Regel anders, als wenn jemand durch Krankheit oder Unfall stirbt. Für gewöhnlich durchleben sie ein Wechselbad negativer Gefühle und Gedanken:

  • Schock, Fassungslosigkeit –„Das kann nicht sein!“
  • Trauer über den Verlust, ein Gefühl des Verlassenseins – „Was soll ich nur ohne ihn machen?“
  • Unverständnis, Ratlosigkeit – „Warum hat er sich umgebracht?“
  • Wut – „Warum hat er mir das angetan?“
  • Schuld, Versagen – „Warum habe ich nichts gemerkt? Hätte ich es verhindern können?“
  • Scham – „Die Leute denken sicher, er hat es mit mir nicht mehr ausgehalten.“
  • Einsamkeit, Isolation – „Keiner kann sich vorstellen, was ich gerade durchmache.“
  • Zweifel an der vermeintlich glücklichen Vergangenheit – „Habe ich die Anzeichen übersehen?“
  • Hilflosigkeit, Zukunftsängste – „Wie soll es nur ohne ihn weitergehen?“

Langfristig können diese widersprüchlichen Gefühle zerstörerisch wirken. Schlimmstenfalls kann sich daraus sogar eine Depression entwickeln. Daher ist Trauerarbeit wichtig mit dem Ziel, irgendwann wieder in die Zukunft zu schauen und neue Perspektiven für sich zu finden.

Doch wer schafft das schon so einfach in einer existenziellen Krise wie dieser?

Hilfsangebote zur Trauerbewältigung

Zum Glück werden die Angehörigen mit ihrer Trauer und ihrem Gefühlschaos nicht alleingelassen. In Deutschland gibt es unterschiedliche Anlaufstellen, die bei der Trauerverarbeitung nach einem Suizid unterstützen.

Psychologen, Psychiater, Ärzte und Geistliche aller Konfessionen sind geeignete Ansprechpartner. Sie alle sind erfahren im Umgang mit Krisensituationen und auch bei der Trauerbegleitung zur Verschwiegenheit verpflichtet.

Eine seriöse erste Anlaufstelle ist auch die Telefonseelsorge. Die umfassend geschulten Mitarbeiter bieten auf verschiedenen Wegen Trost und Unterstützung – immer anonym und kostenfrei.

Telefonisch ist die Telefonseelsorge unter 0800 / 111 0 111 beziehungsweise 0800 / 111 0 222 rund um die Uhr zu erreichen, auch mitten in der Nacht.

Wer möchte, kann sich per Chat oder E-Mail bei der Trauerbewältigung helfen lassen. Zusätzlich gibt es in einigen Städten das Angebot „Offene Tür“ mit speziellen Beratungseinrichtungen.

Da die Trauer bei Suizid vielschichtiger ist als bei anderen Todesarten, sind speziell darauf zugeschnittene Hilfsangebote unerlässlich. Die gibt es dank Hilfsorganisationen, die von meist selbst betroffenen Ehrenamtlichen betrieben werden.

Ein Verein, der unterstützt

Der größte solche Verein in Europa ist AGUS e.V.. Ergänzend zu medizinischer und therapeutischer Betreuung unterstützt er die Angehörigen von Suizidopfern. Ich wollte erfahren, wie die Trauerbegleitung konkret aussieht. Daher habe ich AGUS kontaktiert und ein Interview mit der Leiterin der Bundesgeschäftsstelle geführt.

Am besten wäre es natürlich, wenn Vereine wie AGUS e.V. gar nicht gebraucht würden. Nur leider sieht die Realität anders aus. Deshalb bin ich froh, dass es solche Anlaufstellen für Suizidtrauernde gibt – und dass die Unterstützungsmöglichkeiten so vielfältig sind. Denn so findet jeder ein Angebot, das zu ihm passt. Und niemand muss mit seiner Trauer allein fertig werden.

Weitere Informationen rund um das Thema „Tod und Trauern“ finden Sie auch in unserem Themenschwerpunkt

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