Notfallhilfe für Babies und Kinder

Notfallhilfe bei KindernOliver Kraft ist Berufsfeuerwehrmann und Notfallsanitäter und hat schon so einiges gesehen und erlebt. Gegen die extremen Eindrücke helfen ihm neben einem zum Teil derben Humor der Halt in der Familie und sein Anspruch, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Als Vater von drei Kindern gehört für ihn selbstverständlich die Notfallhilfe für Babies und Kinder dazu.

„Eine Sache gleich vorab,“ stellt der 40-Jährige klar: „Ich kann eine Menge hilfreicher Dinge erzählen. Am Ende jedoch kann man sich ein Notfalltraining nicht anlesen, man muss es selber gemacht haben. Und im Zweifel sollte man sich sowieso schnellstmöglich an die Profis wenden.“ Die Profis sind unter anderem seine eigenen Kollegen, seit eh und je unter 112 zu erreichen. „Die Jungs sind heutzutage so gut geschult, dass sie jede Notfallbehandlung am Telefon anleiten können. Selbst wenn man nicht weiß, wie eine Herz-Druck-Massage funktioniert, wird der Rhythmus per Metronom eingespielt. Absolut hochprofessionell,“ sagt Kraft, der selbst Berufseinsteiger in der Praxis ausbildet.

Stayin alive – die Bee-Gees-Eselsbrücke

Einen Tipp zur Herz-Druck-Massage hat Kraft dann allerdings doch: „Sie muss mit 100 Schlägen pro Minute durchgeführt werden. Wer den Beat von ‚Stayin alive’ von den Bee Gees auf das charakteristische ‚ah, ah, ah – Stayin alive…“ kennt, der kennt auch die exakte Frequenz für die Massage.“ Und durch die Eselsbrücke des Songtitels sollte wohl niemand vergessen, welches Lied im Notfall im wahrsten Sinne des Wortes den Ton angibt.

Jedem ans Herz legt er KATWARN. Der kostenlose, vom Fraunhofer-Institut entwickelte Service gibt zum Beispiel offizielle Warninformationen über nahende Unwetter, Großbrände oder Chemieunfälle in der Nähe aus und empfiehlt sogar entsprechende Verhaltensweisen. Diese Informationen werden per SMS aufs Handy gesandt. „Da wird dann möglicherweise geraten, aufgrund von starker Rauchentwicklung Fenster und Türen zu verschließen,“ so Kraft.

Oliver Kraft daddylicious

Feuerwehrmann Oliver Kraft weiß, worauf es bei der Notfallhilfe ankommt.

Notfallhilfe: Der Giftnotruf

Insbesondere Eltern rät er außerdem, die Nummer des Giftnotrufs einzuspeichern, der bei den jeweiligen toxikologischen Instituten etwa in Göttingen, München oder Berlin (‚Jiftnotruf’, sagt Kraft …) eingeht. Von der einst üblichen Finger-in-den-Hals-Methode rät Kraft ab. „So was gibt‘s nicht mehr, Erbrechen wird nicht mehr ausgelöst.“ Auch zunächst mal Wasser zu sich zu nehmen, sei keine gute Idee, rät Kraft ab. Beruhigend auf das Kind einwirken sei das Einzige, was man vor Ort als Hilfestellung geben sollte.

„Generell muss man wissen, was eingenommen wurde, wann und wie viel, und wie schwer die oder der Betroffene ist. Alle toxikologischen Institute haben Referenzlisten mit sämtlichen Stoffen vorliegen, an denen man sich vergiften kann. Sollten sie einen Giftstoff wider Erwarten doch nicht in der Datenbank haben, schmeißen die ihr Labor an und finden es heraus.“

Also immer sofort das Gifttelefon anrufen? „Jein. Wenn man sich zum Beispiel mit Entkalker den Mund verätzt hat, sollte man sofort 112 anrufen! Der Leitstellendisponent schaltet dann im Zweifel von sich aus sowieso den Giftnotruf zu. Aber es gibt eben Fälle, bei denen nicht sicher ist, ob es sich tatsächlich um einen Giftnotfall handelt. Meine Tochter hatte beispielsweise mal eine Eichel verschluckt und ich wusste nicht, ob die giftig sind, oder nicht. In einem anderen Fall ist mir eine Leuchtstoffröhre kaputt gegangen und ich wollte wissen, wie es um die Quecksilberkonzentration bestellt ist. Das Gifttelefon ist eher als Informationshotline gedacht.“ Dort wissen sie natürlich auch über alles Grüne und Blühende Bescheid: „Fingerhut, Stechpalme und Oleander sind sehr gefährlich,“ schickt Kraft schon mal vorweg.

Kenntnisse zur Wiederbelebung sollten zur Allgemeinbildung gehören

Zur Allgemeinbildung gehören für Kraft die elementaren Kenntnisse über die Wiederbelebung: das Schulterklopfen und der sogenannte Heimlich-Handgriff, benannt nach dem US-amerikanischen Arzt Henry J. Heimlich. „Im Urlaub in den Staaten habe ich den Heimlich-Handgriff als Piktogramm in fast jedem Restaurant gesehen,“ sagt Kraft. „Die Arme des Helfers umfassen dabei von hinten den Oberbauch des Patienten. Der Helfer bildet mit einer Hand eine Faust und legt sie unterhalb der Rippen und des Brustbeins. Mit der anderen Hand greift er die Faust und zieht sie dann ruckartig kräftig gerade nach hinten zu seinem Körper. Ziel ist es, durch die Druckerhöhung in der Lunge den Fremdkörper aus der Luftröhre zu befördern.“

„Beim Schulterklopfen,“ erklärt Kraft „muss der Kopf des Patienten tief gehalten und fest zwischen die Schulterblätter geklopft werden, im Zweifel in der Intensität stetig steigend. Wenn dann die Nuss oder der Legostein noch immer nicht raus wollen, kommt der Heimlich-Handgriff zum Einsatz.“ Für eine vermeintliche Faustregel hat er noch ein großes ‚Aber’ parat:

„Man sagt gerne, dass man sich nicht an Dingen verschlucken oder etwas einatmen könne, das größer ist als die Luftröhre selbst. Sie wiederum entspricht dem Durchmesser des eigenen kleinen Fingers. Das stimmt zwar, aber eine Nuss wird irgendwann zerbissen und ein Bonbon klein gelutscht. Und dann geht die Formel nicht mehr auf …“

Generell rät Kraft, sämtliches Essen im Hochstuhl beziehungsweise bei ruhiger Körperhaltung einzunehmen. Denn „ Kinder verschlucken sich in den meisten Fällen beim Spielen und Toben.“ Außerdem, empfiehlt er, solle man bei Kindern unter einem Jahr direkt die Herz-Druck-Massage anwenden. Zwar berge diese auch Gefahren bezüglich möglicher Verletzungen der inneren Organe. „Aber die Alternative wäre der Erstickungstod,“ argumentiert er schonungslos. Ganz pragmatisch fügt er jedoch an: „Zuallererst sollte man aber gucken, ob man das Objekt nicht einfach mit dem kleinen Finger erwischen kann.“ Auf die Frage nach den häufigsten Unfällen bei Kindern kommt eine nahe liegende Antwort: „Schürfwunden und Prellungen. Diese sollte man kühlen und mit einem nicht-alkoholischen Desinfektionsmittel behandeln.“

Tee und Kinder sind ein No-Go!

Seltener geworden seien dagegen Verbrennungen. Das Verbrühen mit Wasser sei aber im negativen Sinne noch immer ein Klassiker. „Weil Tee mit 100°C aufgebrüht wird, ist das eigentlich ein No-Go-Getränk, wenn kleine Kinder in der Nähe sind. Kaffee wird mit 70°C zubereitet und mit Milch versetzt. Da besteht höchstens die Gefahr auf Verbrennungen ersten Grades, was einem „normalen“ Sonnenbrand entspricht. Spritzer von heißem Fett sind natürlich noch viel heißer. Eine Tasse Tee aber kann bis zu 20 Prozent der gesamten Körperoberfläche verbrühen! Und das ist schon eine ganze Menge. Ab fünf Prozent spricht man bereits von einem Notfall.“

Abhilfe verschafft einmal mehr eine Kühlung, wobei Kraft hier lauwarmes Wasser empfiehlt. „Bei zu kaltem Wasser ziehen sich die Gefäße zusammen und kapseln die Brandwunde ein. Die Energie, die man der Wunde entziehen will, bekommt man so nicht mehr aus dem Körper heraus. Wenn wir Sanitäter kommen,“ erklärt er weiter, „kühlen wir jedoch nicht mehr, wir behandeln dann nur noch medikamentös mit Schmerzmitteln. Denn die Kühlung macht nichts weiter als lediglich die Schmerzen zu lindern.

Horrorszenario Ertrinken

Bleibt noch ein weiteres Szenario: das Ertrinken. „Bei der geborgenen Person nach Lebenszeichen suchen; Puls, Heben und Senken der Bauchdecke, Atem an der Wange erfühlen“, empfiehlt der Vater dreier Töchter. „Wenn Lebenszeichen zu erkennen sind, gut zudecken und die Person nicht mehr bewegen. Sollten keine Lebenszeichen auszumachen sein, sofort eine Herz-Lungen-Wiederbelebung einleiten, dessen essentieller Teil wiederum die bereits genannte Herz-Druck-Massage ist.“

Natürlich ist Oliver Kraft nicht der einzige, der über Notfalltrainings dieser Art Bescheid weiß. „Solche Trainings werden im Allgemeinen von jedem lokalen Eltern-Kind-Zentrum angeboten.“Sie dauern in der Regel fünf Stunden, beinhalten alle gängigen Kindernotfälle und kosten zwischen 30 und 40 Euro.

Über den Autor

Carsten Bauer von DADDYliciousCarsten Bauer, 40, ist Vater einer einjährigen Tochter, verheiratet und lebt in Berlin. Der gelernte Werbefachwirt arbeitete u.a. als Chefredakteur beim Monster Skateboard Magazine und gehört heute zum Redaktionsteam von DADDYlicious.de, dem führenden Online-Magazin „für Väter. Von Vätern“. Außerdem ist er Gesellschafter von SOLO, einer Medien-Plattform für Skateboard-Kultur. Nebenbei erledigt er Pressearbeiten für MTV, Universal Music, u.a. und freut sich auf den Tag, an dem Werder mal wieder die Bayern schlägt.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie in unserem Themenschwerpunkt „Die meisten Unfälle passieren zuhause“.
Die wichtigsten Erste-Hilfe-Maßnahmen für Babys und Kinder haben wir für Sie in einer Infografik zusammengestellt.

 
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