Pflege am Boden

Pflege am Boden

Flashmob zur Aktion „Pflege am Boden“ (Foto: Norbert Klauke)

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Initiative „Pflege am Boden“ macht mit Flashmobs und anderen Aktionen auf den Pflegenotstand in Deutschland aufmerksam. Ich habe mit Guy Hofmann aus dem Organisationsteam gesprochen. Er ist 54 Jahre alt und selbst Gesundheits- und Krankenpfleger, zurzeit im Krankenstand.

 

Guy Hofmann

Guy Hofmann, von „Pflege am Boden“

Jasmin Trübenbach: Seit wann gibt es die Aktion „Pflege am Boden“ und wie ist diese entstanden?
Guy Hofmann:
Die Aktion mit bundesweiten Flashmobs gibt es seit Oktober 2013. Die Vorlage war ein Flashmob am 7.10.2013 in Aalen, Baden-Württemberg. Als sich bei den Koalitionsverhandlungen unserer damaligen Bundesregierung zeigte, dass Pflege keinen Stellenwert hatte, beschlossen zwei Mitglieder des Runden Tisches „Pflege Osnabrück“ und ein Betriebsrat des Klinikums, die Aktion für den 19.10.2013 bundesweit auszurufen. Die Resonanz war spontan in 40 Städten so gut, dass beschlossen wurde, die Flashmobs so lange fortzuführen, bis Änderungen umgesetzt sind

Auf was soll mit „Pflege am Boden“ aufmerksam gemacht werden?
Es gibt seit Jahren einen zunehmenden Pflegenotstand. Das Hauptproblem ist die Berufsflucht der Pflegenden. Eine Nachtschwester im Altenheim muss beispielsweise in einer Schicht bis zu 60 Bewohner und im Krankenhaus bis zu 40 Patienten versorgen. Auch im Tagdienst fehlt es an Personal und es werden Auszubildende mit der Verantwortung von Voll-Examinierten betraut. Der Personalmangel führt in Altenheimen und Krankenhäusern zum vermehrten Einsatz von Fixierung. Dabei werden die Patienten mittels Hand-, Leib-, und Fußgurten am Krankenbett fixiert.

Zusätzlich werden zur „psychischen Ruhigstellung“ Psychopharmaka verabreicht. Die Hygieneprobleme in den Krankenhäusern sind nur ein weiteres negatives Beispiel. Es werden Magensonden verfrüht verlegt, da keine Essensbegleitung gewährleistet werden kann. Aufgrund mangelnder Toilettenbegleitung werden immer häufiger Dauerkatheter eingesetzt. Zusätzlich fehlt es an der menschlichen Zuwendung, da immer mehr Dokumente von den Pflegefachkräften in der gleichen Zeit ausgefüllt werden müssen. Die Alten- und Krankenpflegenden sowie die Angehörigen sind am Meisten von Burn-Out/ Erschöpfungs-Depression betroffen. Allein bei den beruflich Pflegenden sind es mehr als doppelt so viele wie in den anderen Branchen.

Monatlicher Flashmob zur Pflege

Wie kann man sich den Flashmob zu „Pflege am Boden“ vorstellen?
Einmal im Monat, zehn Minuten liegen in der Stadt in Ihrer Nähe. Pflege findet in jeder Stadt, jedem Dorf, jeder Familie statt. Für eine bessere öffentliche Wirksamkeit hat man sich auf den zweiten Samstag im Monat festgelegt. Mitmachen kann jeder, denn wir werden alle einmal Pflege brauchen. Im Altenheim, im Krankenhaus, oder zuhause.

In wie vielen Städten fanden die Flashmobs bisher statt und wie viele Teilnehmer waren seit Gründung der Aktion dabei?
Im Oktober waren es anfangs ca. 40 Städte, zuletzt im März waren es über 80, mit etwa 4080 Teilnehmern und Teilnehmerinnen insgesamt. Wir steuern also auf 100 Städte mit über 5000 Teilnehmerinnen zu.

Was wären, Ihrer Meinung nach, die idealen Bedingungen um der „Pflege am Boden zum Aufstehen zu helfen“? Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Fachkräfte?
Weit vor den „idealen Bedingungen“ wäre jetzt schon mehr Personal erforderlich. Ausländische Pflegekräfte könnten den Bedarf nur bis zu fünf Prozent füllen. Wir brauchen ein Personalbemessungsinstrument für die Krankenpflege, das klare Mindeststandards festlegt. Für die Altenpflege müssen die Personalschlüssel um mindestens 15 Prozent nach oben korrigiert werden. Bessere Bezahlung, es kann nicht sein, dass zum Beispiel der Tariflohn eines Müll-Werkers höher ist als für eine pflegerische Fachkraft in der Intensivpflege zuhause mit 11,50 Euro pro Stunden brutto. Verlässliche Dienstpläne heißt planbare Freizeit und somit Erholungszeit.
Bessere Anerkennung in der Öffentlichkeit ist ein weiteres Manko. Pflege ist ein Fach-Beruf, es wird in einem hoch-technisierten, medizinisch und pflegerisch anspruchsvollen Umfeld Fach-Arbeit geleistet. Die Ansicht „pflegen kann doch jeder“ ist eine Abwertung und führt zu einer falschen Vermittlungspraxis durch die Arbeitsagenturen.

Pflege am Boden Logo

Was glauben Sie: Wie konnten diese Mängel erst entstehen?
Personalkürzungen um die finanzielle Situation von Heimen und Krankenhäusern zu retten und mangelnde Selbst-Darstellung der beruflich Pflegenden über Umfang und Qualitäten der geleisteten Arbeit. Pflege hat ihren Preis und den können die meisten von Pflege Betroffenen nicht mehr aus ihrem Privatvermögen bezahlen. Wir brauchen ein Refinanzierungskonzept, das stärker Solidarbeiträge verschiedener Art heranzieht, um die notwendigen Kosten zu decken.

Wie sind die Reaktionen der Leute vor Ort? Was sagen Presse und Politik dazu?
Die Reaktionen sind sehr gut. Es gab mehrere Fernseh- und Radio-Berichte sowie viele Zeitungs- und Online-Berichte. Im Saarland und demnächst auch in Bayern sprechen die Landes-Gesundheitsminister mit Pflegenden. Allein in Straubing in Niederbayern hat es seit Dezember elf Zeitungsberichte – zwei davon ganzseitig – gegeben, die Ratsmitglieder aller Parteien sind bei den Flashmobs dabei und es fanden Gespräche mit Landtags- und Bundestags-Abgeordneten statt. Viele Heimleiter und Pflegedienstleiter haben verstanden, dass sich die Aktionen nicht gegen die Einrichtungen oder deren Leiter richten, sondern einlädt, sich für bessere Rahmenbedingungen einzusetzen.

Jeder kann mitmachen

Was kann ich tun, um „Pflege am Boden“ zu unterstützen?
Machen Sie sich bewusst, dass auch Sie einmal Pflege brauchen werden. Sei es – was keiner wünscht – durch Unfall oder Erkrankung oder weil Sie alt werden. Fragen Sie im Freundes- und Bekanntenkreis, wie es wirklich zugeht in der Pflege und regen Sie die Leute zum Nachdenken und Aktiv-Werden an. UND DANN: Kommen Sie selber zu einer unserer Aktionen! Jeder von uns wird einmal Pflege brauchen, sowohl der Schreiber als auch der Leser dieser Zeilen. Sprechen sie mit Menschen in ihrem Umfeld, am Arbeitsplatz, in der Familie. Es geht darum, zu zeigen, dass uns das Thema alle angeht und am Herzen liegt. Denn wir sind die Alten von morgen.

Weitere Informationen zur Aktion finden Sie auf pflege-am-boden.de. Auch interessant: in Nürnberg gibt es zum Beispiel – unter der Leitung der Senioren-Initiative Nürnberg e.V. – regelmäßig einen Pflegestammtisch. Werden Sie aktiv und engagieren Sie sich für das Thema, denn Herr Hofmann hat es auf den Punkt gebracht: Wir werden alle einmal Pflege brauchen.

Und jetzt interessiert mich Ihre Meinung: Haben Sie selbst einen Pflegefall in der Familie? Sind Sie selbst Pflegender oder Pflegekraft? Berichten Sie uns über Ihre Erfahrungen und Ihre Meinung zur aktuellen Pflegedebatte. Ich freue mich auf Ihre Kommentare.

Was sagen Sie zu diesem Thema?

5 Kommentare

  1. Heide Helga schreibt am 9. April 2014 um 14:50:

    Es kann nicht ohne Pflegepersonal weitergehen. Wir brauchen eine gesetzliche #Mindestpflegepersonalregelung. Zeichnen Sie noch mit bis zum 28. April: https://www.openpetition.de/petition/online/mindestpflegepersonalbesetzung-in-deutschen-krankenhaeusern

  2. Heike Brandt schreibt am 11. April 2014 um 22:35:

    Sehr gut!! Herr Hoffmann hat völlig Recht, wobei ich weiß, dass 15 % in der Altenpflege stationär längst nicht mehr reichen! Ich bin PDL in einer stationären Altenpflegeeinrichtung, habe also Ahnung von der Materie. Allein der sach-, und fachgerechte Dokumentationsaufwand, der von MDK und Heimaufsicht aktuell gefordert wird- ohne , dass die Arbeiten wirklich erledigt wurden – dürfte schon 10 % Personal binden…

  3. Heidrun schreibt am 14. April 2014 um 7:17:

    Tolle Aktion gewesen, ich war selbst dabei … es ist wirklich beängstigend, wenn man diese Horrorgeschichten für unser Sozialsystem so hört. Für heute und noch viel mehr in naher Zukunft. Da wird einem wirklich ganz Angst und Bange. Deshalb weiter so! Wir brauchen mehr dieser Aktionen!

  4. Coletta Coi schreibt am 22. April 2014 um 15:02:

    Hallo,

    als bayrische Autorin möchte ich Ihnen gerne eine hochaktuelle Thematik in einem Soziothriller, der sich in einer filktiven Geschichte mit den Folgen des drohenden Pflegenotstands auseinandersetzt, empfehlen. Fiktion und Realität sind kaum mehr zu unterscheiden. Vielleicht möchten Sie Ihren Leserinnen/Lesern ein interessantes und spannendes e-Buch zu den möglichen Folgen des Pflegenotstands anbieten.

    Titel des Soziothrillers: „Im Netz der Menschenfischer“- Alptraum unter südlicher Sonne (bei Amazon, Weltbild etc.)
    Nun, sind sie neugierig geworden?
    Vielen Dank für Ihr Interesse,
    mit freundlichen Grüßen
    Coletta Coi (Autorin)

  5. Robert schreibt am 13. Oktober 2014 um 13:36:

    Aufgrund der Zunahme an älteren und alten Menschen in der Gesellschaft (demographischer Wandel), ist für die Zukunft mit einer Zunahme der pflegebedürftigen Menschen zu rechnen..spanische Pflegekräfte, Rumänische, oder Portugiesische willkommen!!

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