Im Rollstuhl auf Reisen: einfach mal machen!

Adina Hermann am Strand von Korsika

 

Mit dem Rollstuhl unterwegs zu sein, ist nicht immer einfach – schon gar nicht in anderen Ländern. Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt, findet Adina Hermann von Sozialhelden e.V. Ich spreche mit der Rollstuhlfahrerin über ihre schönsten und schwierigsten Momente im Urlaub.

Konrad Welzel: Mit welchen Verkehrsmitteln reisen Sie als Rollstuhlfahrerin am liebsten und warum?

Adina Herrman: Das hängt ganz vom Ziel ab – innerhalb Deutschlands, besonders in ländlichen Regionen, reisen wir gerne auch mal mit dem Auto, denn da ist man relativ unabhängig. Sonst sind wir viel mit den  öffentlichen Personennahverkehr unterwegs. Bei der Bahn muss unterschieden werden: Die meisten Regionalbahnen verfügen inzwischen über bordeigene Rampen und sind so für Rollstuhlfahrer in vielen Fällen auch spontan nutzbar, während bei Fernverbindungen mit ICE, IC oder EC eine Voranmeldung und ein Hublifter nötig sind. Für Flugreisen mit Rollstuhl ist ebenfalls Voranmeldung nötig, das geht aber recht unkompliziert – zumindest, wenn man mit einem manuellen Rollstuhl reist. Toll wäre natürlich, wenn Reisen künftig ohne weitere Voranmeldungen möglich wären, weil wir dann noch spontaner sein könnten.

Konrad Welzel: Wie suchen Sie sich die geeignete Unterkunft?

Adina Herrman: So einfach ist das leider nicht. Es gibt zwar Spezialanbieter, die Unterkünfte für Rollstuhlfahrer anbieten, die sind aber häufig recht teuer, und die Auswahl ist deutlich geringer. Die klassischen Hotelsuchmaschinen bieten oft nur gut versteckte Suchfilter an, um nach rollstuhlgerechten Unterkünften zu suchen. Die Reisebranche hat hier wirklich noch Nachholbedarf. Meist fahren wir bei der Unterkunftsrecherche mehrgleisig – wir kontaktieren die Unterkunft, um die Informationen zur Rollstuhlgerechtigkeit zu checken, und informieren uns zeitgleich über Reiseblogs und Webseiten wie Tripadvisor, Holidaycheck und Co. über die Gegebenheiten vor Ort. Wenn dann das Gesamtbild stimmt und unsere Bedürfnisse abgedeckt werden, schlagen wir zu. Es kommt jedoch nicht selten vor, dass man bei dieser Recherche feststellt, dass es eben doch Stufen gibt oder dass die Unterkunft erst gar nicht auf unsere Fragen antwortet. Dann wird weitergesucht!

Konrad Welzel: Welche Vorbereitungen müssen Sie aufgrund Ihrer körperlichen Einschränkung noch treffen?

Adina Herrman: Die Buchung des Fluges und einer geeigneten Unterkunft sind eigentlich schon die größten Hürden. Ärztliche Unterlagen in englischer Sprache, die sowohl die Grunderkrankung als auch Besonderheiten bei der Behandlung erklären, gehören für mich auch ins Gepäck. So fühle ich mich für Notfälle gewappnet. Wir werfen auch gerne noch einmal einen prüfenden Blick auf den Rollstuhl, ob alles in Ordnung ist, ob der Reifendruck passt – denn wenn irgendetwas am Rollstuhl kaputt geht, dann garantiert im Urlaub. Das ist uns schon mehrfach passiert.

Konrad Welzel: Wie hoch ist die Hilfsbereitschaft von Mitreisenden, Ihnen im Rollstuhl auf Reisen zu helfen?

Adina Herrman: Durchaus hoch – und meist packen genau die Menschen an, von denen man es auf den ersten Blick kaum erwartet hätte. Es ist toll, wenn Menschen hilfsbereit sind – noch schöner ist es allerdings, von fremder Hilfe unabhängig und selbstbestimmt reisen zu können. Auch im Urlaub haben wir immer helfende Hände gefunden, wenn wir darauf angewiesen waren – was eigentlich nicht so oft vorkam, weil mein Mann und ich gemeinsam schon als eingespieltes Team verreisen. Akute Hilfe brauchten wir zum Beispiel, als der Rollstuhl mitten in Prag am Wochenende den Geist aufgab. In unserer Verzweiflung fanden wir eine hilfsbereite Verkäuferin in einem Lebensmittelmarkt, die zwar kein Wort verstand, uns aber nach wilden pantomimischen Erklärungen eine Rolle Klebeband für die notdürftige Reparatur des Vorderrads geschenkt hat.

Konrad Welzel: Wie können Ihre Mitmenschen Ihnen das Reisen erleichtern?

Adina Herrman: Wenn man den Eindruck gewinnt, dass da jemand gerade nicht alleine zurechtkommt: Einfach höflich und nett fragen, ob und wie man helfen kann. Bitte nicht einfach zupacken! Plötzlich ungefragt über eine Stufe gezogen zu werden, kann nicht nur unangenehm, sondern auch gefährlich sein. Im Alltag freue ich mich wie jeder andere über all die netten Kleinigkeiten, die aufmerksame Mitmenschen so tun: Kurz auf das Gepäck aufpassen, die Tür aufhalten und so weiter.

Konrad Welzel: Was sind für Sie die größten Hürden bei Reisen?

Adina Herrman: Ganz fatal sind falsche Unterkunftsbeschreibungen: Wir haben schon mehrfach vermeintlich rollstuhlgerechte Unterkünfte gebucht, sicherheitshalber nochmals explizit beim Veranstalter nachgefragt, und standen nach der Anreise dennoch vor Stufen oder gar ganzen Treppen. Oder das rollstuhlgerechte Zimmer war zwar da, aber belegt. Es ist ein großer Unterschied, ob man Fotos vom Hotelpool für den Katalog noch ein wenig retuschiert oder ob so wichtige Informationen – sei es durch Nachlässigkeit oder Absicht – falsch angegeben werden. Das kann im schlimmsten Fall das Ende des Urlaubs bedeuten! Ansonsten sind die Schwierigkeiten meist dieselben wie im Alltag, nur mit zusätzlichen Sprach- oder Kulturbarrieren versehen: Stufen, unwegsames Gelände, unzugängliche Verkehrsmittel. Aber mit ein wenig Improvisationstalent lässt sich vieles lösen.

Konrad Welzel: Hat Sie mangelnde Barrierefreiheit vor Ort schon einmal davon abgehalten, eine Reise anzutreten? 

Adina Herrman: Wenn ich so darüber nachdenke: Ja, ich wollte eigentlich unbedingt einmal nach Mayotte, seitdem diese Insel zur EU gehört. In einem Artikel las ich, dass es dort wunderschöne Strände geben soll, an denen Äffchen frei herumlaufen. Mir gefiel diese Vorstellung.
Als wir aber im vergangenen Jahr die Tourismusvertreter von Mayotte auf der ITB Berlin über die Rollstuhlgerechtigkeit der Insel befragten, reagierten diese sehr unsicher und schickten uns sogar zum Strand der Nachbarinseln. Da haben wir diesen Plan erst einmal auf Eis gelegt.

Konrad Welzel: Welche Länder sind in Sachen Barrierefreiheit aktuell am besten aufgestellt?

Adina Herrman: Das ist schwer zu beantworten, weil das regional sehr unterschiedlich sein kann. Insgesamt jedoch sind die Länder weiter, die die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen gesetzlich verankert haben und die generell infrastrukturell gut aufgestellt sind. Meist sind urbane Bereiche wesentlich barriereärmer als ländliche.

Konrad Welzel: Sie arbeiten als Grafikerin und Designerin für Sozialhelden e.V. und beteiligen sich auch an dem Projekt wheelmap.org, einer Online-Karte für rollstuhlgerechte Orte. Wie kann die Wheelmap für Auslandsreisen genutzt werden?

Adina Herrman: Wir haben im Wheelmap-Blog eine Sammlung mit Möglichkeiten zur Unterkunftssuche für Rollstuhlfahrer angelegt. Außerdem kann man die Wheelmap nutzen, um die Umgebung hinsichtlich ihrer rollstuhlgerechten Läden, Sehenswürdigkeiten und Restaurants zu checken. Und man sollte unbedingt sein gesammeltes Wissen mit den anderen Nutzern teilen, indem man die Orte markiert, die man selbst besucht hat.

Konrad Welzel: Gibt es noch weitere Angebote für Menschen mit Mobilitätseinschränkung für einen gelungenen Urlaub?

Adina Herrman: Viele Hinweise und Tipps dazu, wie Mobilität im Rollstuhl funktioniert, finden sich auch in unserem Ratgeber mobilista.eu. Dort geben wir auch gezielte Anleitungen für Rollstuhlreisen mit der Bahn oder mit dem Flugzeug und weitere nützliche Reisetipps.

Konrad Welzel: Was würden Sie Menschen mit körperlicher Einschränkung noch mit auf den Weg geben, wenn es um das Thema Reisen geht?

Adina Herrman: „Einfach mal machen“ ist das Motto der Sozialhelden, dem Team hinter Wheelmap.org. Dieses Motto gilt für mich auch beim Reisen mit Rollstuhl – wenn man nichts wagt, kann man auch nichts erleben. Aber eine gute Planung erleichtert einen stressfreien Urlaub. Darum: Alles gut vorbereiten und dann rein ins Abenteuer!

Vielen Dank für das Interview, Frau Hermann.

Adina Hermann und Ihr Mann Timo bei einer Weinverkostung auf Korsika (Quelle: Timo Hermann, https://flic.kr/p/q7p6cx, CC BY-SA).

Mehr über unsere Gesprächspartnerin

Adina Hermann arbeitet als Grafikerin und Designerin bei Sozialhelden e.V. Sie ist selbst Rollstuhlfahrerin und hat mit ihrem Mann Timo (hier im Bild) über viele Jahre Erfahrungen im barrierefreien Reisen gesammelt.

Bildquellen:  Titelbild – Timo Hermann, https://flic.kr/p/rawGfg, CC BY-SA; Foto Weinverkostung – Timo Hermann, https://flic.kr/p/q7p6cx, CC BY-SA

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