Meine Erfahrungen mit Diabetes Typ 1

Mein Freund Freddie lebt schon seit vielen Jahren mit Diabetes Typ 1. Im Interview erzählt er, was er im Alltag alles beachten muss. 

Edda Lang: Hi Freddie. Erzähl mal, was ist Diabetes überhaupt?

Freddie Roesler: Diabetes ist eine Stoffwechselerkrankung. Bei Diabetes wird das körpereigene Insulin entweder nicht mehr gebildet, oder es wirkt nicht mehr so wie es soll.

Insulin ist für den Körper quasi der Schlüssel, der Zucker beziehungsweise Kohlenhydrate für den Körper in Energie wandelt. Auch Kohlenhydrate werden in Zucker umgewandelt. Ein Diabetiker muss also nicht nur auf Zucker an sich achten, sondern auf alles, was er zu sich nimmt.

Der Blutzuckerspiegel kann zu hoch oder zu niedrig sein. Bei einem gesunden Menschen regelt das die Bauchspeicheldrüse. Wie ist das bei dir?

Da merkt man erstmal, wie toll unser Körper das regelt, wenn er gesund ist. Das Leben als Diabetiker vom Typ 1 ist von häufigem sich in den Finger pieksen bestimmt 🙂 So messe ich mehrmals täglich, nach Bedarf auch nachts, meinen Blutzucker. Der kann zu hoch oder zu niedrig sein.

Ist er zu hoch merke ich das, weil ich sehr oft auf’s Klo zum Urinieren muss. Ist er zu niedrig, werde ich kaltschweißig und zittrig. In beiden Fällen wird man unkonzentriert und hat keine Kraft mehr. Ein sehr unangenehmer Zustand, der im schlimmsten Fall bis ins Koma und zum Tod führt.

Und was kannst du jetzt dagegen machen?

Ich erzähl mal von meiner Therapieform. Die heißt ICT – Intensivierte Konservative Therapie, was bedeutet, dass ich zweimal täglich Basis (basales) Insulin spritze. Das ist das Insulin, was jeder Mensch für den Grundumsatz braucht, auch wenn man nur faul auf der Couch sitzt.

Wenn ich etwas essen will, muss ich vorher Blutzucker messen. Dann bewerte ich den Zuckerwert den mein Messgerät anzeigt. Zum Beispiel 160. Normal ist ein Wert von ca. 100. Dann schau ich, wie viel ich essen möchte und wie viele Broteinheiten dieses Essen hat.

Broteinheiten haben nichts mit Brot an sich zu tun, da geht es um die Menge an Kohlenhydraten. Einfach gesagt: je mehr Kohlenhydrate, desto mehr Broteinheiten = BE.

Jeder Diabetiker hat eine bestimmte Dosis Insulin, die er pro BE berechnen muss. Zum Beispiel sind zwei normale Semmeln 4 BE, für die ich dann eine bestimmte Menge Insulin spritze.

Dann kann ich hoffen, dass ich alles richtig gemacht habe. Vier Stunden später messe ich dann wieder und wenn es optimal gelaufen ist, liegt der Wert dann im Normbereich.

Leider lässt sich der „Zucker“ nicht einfach mit einem festen System einstellen. Ich muss immer wieder individuell messen und entscheiden. Es gibt keine Routine. Jeden Tag ist der Körper anders. Zum Beispiel kann es sein, dass ich eine beginnende Erkältung habe, die ich noch gar nicht bemerke. Ich spritze die gleiche Insulinmenge wie immer, aber das Insulin wirkt dann schon anders, als wenn ich keine Infektion hätte. Diabetes ist in gewisser Weise ein ständiges Ratespiel. Er überrascht mich immer wieder

Das klingt ganz schön anstrengend –  und was darfst du alles nicht essen? Oder kaufst du spezielle Diabetikerprodukte? Diätschokolade oder sowas?

Ich esse alles, was mir schmeckt und bloß keine Diabetikerschokolade – das ist, entschuldige, Schwachsinn.

Wieso das?

Naja, ich muss nur wissen, wie viele Kohlenhydrate, also BEs, das Essen oder Trinken hat. Es gibt bessere oder schlechtere Kohlenhydrate, aber das gilt für Nicht-Diabetiker genauso.

Der Begriff „Diät“ ist ja eher negativ behaftet in der heutigen Gesellschaft. Dabei kommt „Diät“ aus dem Altgriechischen und heißt nichts anderes als „Lebensführung“. Gute Lebensführung gilt auch für Gesunde. Ärzte raten dazu, dass sich auch ein Gesunder so ernähren sollte, wie ein Diabetiker der „Diät“ im Sinne von gesunder, vollwertiger Ernährung hält. Ich darf zum Glück alles essen. Diese Diabetikerprodukte sind in meinen Augen nur Geldmacherei und sonst nichts.

Wenn jemand Unterzucker hat, wirkt das auf Außenstehende ähnlich, als wäre derjenige betrunken – wie kann ich einen Diabetiker erkennen und wie kann ich ihm helfen?

Das ist schwierig. Erstmal nachsehen, ob er z.B. in der Brieftasche einen Diabetikerausweis hat, ob er Traubenzucker einstecken hat oder z.B. Messgeräte und Insulinpen (eine Art Spritze, die wie ein dicker Füller aussieht).

Wenn der Mensch z.B. in der Badehose im Freibad liegt und ich nichts genaues erkennen kann, dann schnellstmöglich den Notarzt rufen. Wenn der Zucker sehr hoch ist, kann man auch einen Geruch nach Azetylen (riecht wie wenn etwas frisch gestrichen ist) feststellen.

Dann ist der Körper schon in einer Ketoazetose und wandelt Muskeln und Fett in Energie um. Das geht aber schon zu weit für den Laien. Wenn es einem Menschen offensichtlich schlecht geht, sollte man handeln und den Notarzt oder die Polizei rufen.

Wie kriegt man überhaupt Diabetes?

Spannend – bei mir kann man das nicht genau sagen. Der sogenannte Typ 1 Diabetes ist oft erblich. Es handelt sich hier um eine Autoimmunerkrankung, bei der der Körper sich gegen sich selbst richtet und die insulinbildenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört.

Oft kann man die Krankheit dann über Antikörper nachweisen. Bei mir waren die aber nicht mehr zu finden. Bis bei mir die Diagnose klar war bin ich bei 1,84m auf 62 Kilo abgemagert. Wie der Tod von Forchheim, wie man so schön sagt. Und genauso hat es sich auch angefühlt…

Vermutlich hatte ich eine Erkältung verschleppt. Bei manchen Menschen geht das auf den Herzmuskel oder, wie bei mir, auf die Bauchspeicheldrüse, die dann den Dienst quittiert hat…

Mein Tipp: nicht den Helden spielen! Lieber früher als später zum Onkel Doktor gehen.

Stichwort erblich – du hast zwei Töchter. Wie war das bei denen mit der Vererbung?

Sie waren in einer Studie, denn sie hatten beide eine erhöhte Anzahl dieser Antikörper. Eine etwas mehr als die andere, aber beide zu hoch. Die Studie lief über zehn Jahre und zum Glück sind sie jetzt von Antikörpern frei. Das bedeutet, dass sie die nächsten Jahre nicht Gefahr laufen Diabetiker zu werden.

Müssen die Kinder irgendwas besonderes tun oder nicht tun? Sich anders ernähren?

Nein, gesund ernähren, wie man es halt generell tun sollte. Aber nichts besonderes, nein.

Kann man denn auch von Typ 1 zu Typ 2 werden, oder umgekehrt?

Typ 1 ist durch völliges oder teilweises Versagen der Bauchspeicheldrüse gekennzeichnet und das ist bisher nicht heilbar. Bei Typ 2 ist es ja sehr häufig so, dass der durch Übergewicht und zu wenig Bewegung entsteht. Dadurch steigt die Körpermasse, die Bauchspeicheldrüse muss mehr Insulin pro Kilogramm Körpergewicht produzieren.

Wenn es dann einfach zu viel wird, wird entweder zu wenig Insulin im Verhältnis produziert oder das Insulin wirkt halt nicht mehr so gut. Eine sogenannte Insulinresistenz entsteht. Dann versucht die Bauchspeicheldrüse dies durch Mehrproduktion auszugleichen und daran kann sie dann kaputtgehen. Da könnte man dann davon sprechen, dass aus Typ 2 Diabetes ein Typ 1 Diabetes werden kann.

Ist dann Typ 2 heilbar und Typ 1 nicht?

Meiner Meinung nach sind beide nicht heilbar. Sie können unterschiedlich therapiert werden. Wenn man bei Typ 2 die Ernährung umstellt und mehr Sport macht, kann man unter Umständen ohne Tabletten und Insulin klar kommen. Dann sind Ernährungsumstellung und Sport die Therapie. Zumindest eine gewisse Zeit funktioniert das. Bei Typ 1 muss man immer Insulin spritzen. Da helfen Sport und Abnehmen leider nicht mehr.

Du hast dich ganz gut arrangiert mit deinem Diabetes? Habt ihr euch quasi angefreundet?

Also, ich könnte schon gut auf den Diabetes verzichten, aber ich habe gelernt nicht mit ihm zu streiten. Der verhandelt nämlich nicht. Akzeptier ihn, streichel ihn, hab ihn lieb – er gehört zu mir und meinem Körper.

Erfahrungen mit Diabetes Typ 1

Freddie Roesler in Action

Das schöne ist, ich mache MIT ihm alles, was jemand ohne auch macht. Vielleicht nicht fünf Stück Kuchen hintereinander futtern, sonst fällt mindestens das Abendessen aus, aber das ist für Gesunde auch nicht grade vernünftig…halt nicht über die Stränge schlagen.

Wichtig ist, dass die Langzeitwerte passen. Wenn man dauerhaft zu hohe Zuckerwerte hat, dann gibt es unschöne Folgeerkrankungen, die keine Sünde der Welt wert sind. Nierenversagen zum Beispiel. Erhöhte Schlaganfallgefahr. Diabetischer Fuß oder Erblindung. Da verzichte ich lieber auf ungesunde Naschereien.

Wenn ich morgen die Diagnose bekommen würde – Typ 1 Diabetes – was rätst du mir?

Boah, da tickt wohl jeder anders. Erstmal käme sicher ein Zusammenbruch und Weltuntergangsstimmung. Und dann guckt man wie es weitergeht…ich bezeichne die Krankheit gern als eher lästig, weil man halt immer aufmerksam sein muss. Aber man kann mit Diabetes letztlich gut und lange leben.

Kennen Sie jemanden in Ihrem Umfeld mit Diabetes? Oder leben Sie vielleicht selbst damit? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Ich freue mich über Ihre Kommentare.

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