Berufsunfähigkeitsversicherung – (un)sinnig?

Immer wieder liest man in der Presse, wie wichtig doch eine Berufsunfähigkeitsversicherung sei. Ich habe mich mit Experten dazu unterhalten.

Berufsunfähigkeitsversicherung

Wie wichtig ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung? Jasmin Trübenbach (Mitte) sprach mit Dieter Sprott (links) und Marlen-Sophie Ungaro (rechts).

Immer wieder liest man in der Presse, wie wichtig doch eine Berufsunfähigkeitsversicherung sei. Doch für viele ist dieser Tarif ein Buch mit sieben Siegeln. Brauche ich wirklich eine Berufsunfähigkeitsversicherung? Ich arbeite doch im Büro, da kann mir doch nichts passieren. Zahlt der Staat denn gar nichts für mich, wenn ich nicht mehr arbeiten kann? Diese und viele weitere Fragen gehen vielen Menschen durch den Kopf. Doch kaum einer fragt nach und sucht nach Antworten. Um Licht ins Dunkel zu bringen, habe ich mich mit den Experten Dieter Sprott und Marlen-Sophie Ungaro unterhalten. Beide haben den Abschluss des Versicherungskaufmanns bzw. der Versicherungskauffrau und sind in der Abteilung Fachqualifizierung und Wissensmanagement tätig.

Jasmin Trübenbach: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich berufsunfähig werde?

Marlen-Sophie Ungaro: Laut Statistik werden 25 Prozent aller berufstätigen Menschen in Deutschland berufsunfähig. Somit kann es jeden Vierten treffen.

Jasmin Trübenbach: Was sind die häufigsten Ursachen für eine Berufsunfähigkeit?

Marlen-Sophie Ungaro: Im Jahr 2013 sind zirka 29 Prozent aller Leistungsfälle auf Nervenkrankheiten und psychische Erkrankungen zurückzuführen, mit 23 Prozent folgen Erkrankungen des Skeletts- und Bewegungsapparates. 15 Prozent der Berufsunfähigen leiden an Krebserkrankungen.

Jasmin Trübenbach: Worin bestehen die Unterschiede zwischen Berufs- und Erwerbsunfähigkeit?

Marlen-Sophie Ungaro: Berufsunfähigkeit liegt vor, wenn die versicherte Person infolge Krankheit, Körperverletzung oder Kräfteverfall, die ärztlich nachzuweisen sind, voraussichtlich mindestens sechs Monate ihren zuletzt ausgeübten Beruf nicht mehr nachgehen kann. Voraussetzung dafür ist, dass der Beruf vorher ohne eine gesundheitliche Beeinträchtigung zu tätigen war.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt vor, wenn die versicherte Person infolge Krankheit, Körperverletzung oder Kräfteverfall, die ärztlich nachzuweisen sind, voraussichtlich mindestens sechs Monate ununterbrochen außerstande sein wird, einer Erwerbstätigkeit von mehr als drei Stunden täglich nachzugehen.

Jasmin Trübenbach: Warum ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung wichtig?

Marlen-Sophie Ungaro: Dafür gibt es viele Gründe. Als erstes fällt mir folgendes ein: Mein Auto? Das habe ich Vollkasko versichert. Mein Haus? Dafür habe ich eine Wohngebäude und eine Hausratversicherung. Meine Zähne? Auch hierfür habe ich vorgesorgt und eine Zahnzusatz-Versicherung abgeschlossen. Aber mein wichtigstes Gut, meine Arbeitskraft? Wie kann ich mich absichern, wenn ich aufgrund von Krankheit, meiner Arbeit nicht mehr nachkommen kann, meinen Lebensstandard aber trotzdem halten möchte? Hier ist es wichtig eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen – kurz auch BU genannt.

Jasmin Trübenbach: Was ist durch eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgesichert?

Marlen-Sophie Ungaro: Die eigene Arbeitskraft ist abgesichert. Sollte man im Falle von Krankheit oder Unfall seinen zuletzt ausgeübten Beruf langfristig – das heißt sechs Monate – nicht mehr ausüben können, greift die BU-Versicherung, um finanzielle Einbußen zu verhindern und den bisherigen Lebensstandard zu halten.

Jasmin Trübenbach: Brauche ich als Büromitarbeiter überhaupt eine Berufsunfähigkeitsversicherung? Ich habe doch keinen gefährlichen Job!

Marlen-Sophie Ungaro: Die weit verbreteitete Meinung lautet:„Am Schreibtisch kann man doch fast immer arbeiten“ – das ist aber nur oberflächlich richtig. Dabei sind gerade diese “Kopfberufe” häufiger betroffen als man denkt. Nicht nur die Rückenerkrankungen nehmen zu, insbesondere auch die Krankheiten aufgrund steigender Belastung und immer höherer Arbeitsanforderungen. Die Folgen sind zum beispiel Burn-Out oder Depressionen.

Jasmin Trübenbach: Wann sollte ich eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen?

Marlen-Sophie Ungaro: So früh wie möglich. Warum? Ein früher Abschluss zahlt sich aus, da die Beiträge aufgrund des jungen Alters geringer sind. Hinzukommt, dass der Gesundheitszustand in jungen Jahren noch wesentlich besser ist und man noch nicht so viele Krankheiten hat, welche man bei der Antragsstellung angeben muss. ERGO Direkt Versicherungen bietet eine sogenannte Startphase an, das heißt die Beiträge sind in den ersten Jahren nicht konstant, sondern steigen in jährlich gleichmäßigen Schritten bis zum Endbeitrag. Der Endbeitrag ist dadurch etwas höher als ein von Vertragsbeginn an konstanter Beitrag. Damit soll Berufsanfängern, Studenten, Auszubildenden und Hausfrauen-/Männern ein günstiger Einstieg in diese Art der Vorsorge ermöglicht werden.

Jasmin Trübenbach: Auf was sollte ich beim Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung achten?

Marlen-Sophie Ungaro: Als Erstes ist darauf zu achten, dass der Schutz bei Berufsunfähigkeit mindestens bis zum Rentenbeginn – im Regelfall bis zum Endalter 65 – laufen sollte. Darüberhinaus sollte die Höhe der Rente natürlich die monatlichen Lebenshaltungskosten decken. Man geht hierbei von ca. 75 Prozent des Nettoeinkommens aus.

Außerdem sollte auf die abstrakte Verweisung geachtet werden, die besagt, dass der Versicherer im Leistungsfall auf einen ähnlichen Beruf bzw. Tätigkeit verweisen kann. Also am besten die abstrakte Verweisung mitversichern, somit kann der Versicherer nicht auf einen ähnlichen Beruf verweisen.

Jasmin Trübenbach: Welche Krankheiten sind in der Berufsunfähigkeitsversicherung versichert?

Marlen-Sophie Ungaro: Generell sind in der Berufsunfähigkeitsversicherung alle Krankheiten versichert, welche dazu führen, dass der zuletzt ausgeübte Beruf dauerhaft (mindestens sechs Monate) nicht mehr ausgeübt werden kann. Die versicherte Person muss zu mindestens 50  berufsunfähig werden. Der Grad der Berufsunfähigkeit wird von Ärzten, Gutachtern und der Versicherung festgestellt.

Auch im Falle einer Pflegebedürftigkeit, das beutetet mindestens drei Pflegepunkte, wird eine Berufsunfähigkeitsrente ausgezahlt, auch wenn der Grad der BU unter 50 Prozent liegt.

Vorsicht! Krankheiten, die dem Versicherten bereits vor Antragsstellung bekannt waren und welche uns bei Antragsstellung nicht genannt wurden, sind nicht versichert!

Jasmin Trübenbach: Wie hoch sollte die vereinbarte Rente sein?

Marlen-Sophie Ungaro: Die Höhe der Rente sollte die monatlichen Lebenshaltungskosten decken und die Versorgungslücke abdecken. Man geht hierbei von ca. 75 Prozent des Nettoeinkommens aus.

Jasmin Trübenbach: Bin ich nicht ausreichend über den Staat versichert?

Marlen-Sophie Ungaro: Die staatlichen Leistungen bei Berufsunfähigkeit existieren nicht mehr – zumindest für Versicherte ab dem Jahrgang 1961. Stattdessen gibt es die Erwerbsminderungsrente, bei der die Versicherten deutlich weniger Rente erhalten.

Der Staat leistet für ab 1961 Geborene nun nach folgendem Schema:

  • Volle Erwerbsminderungsrente erhalten die Personen, die am Tag weniger als drei Stunden arbeiten können à Höhe der vollen Erwerbsminderungsrente = 30 bis 35 Prozent vom letzten Bruttoeinkommen
  • Halbe Erwerbsminderungsrente erhalten Personen, die zwischen drei und sechs Stunden am Tag arbeiten können = 14 bis 17 Prozent des letzten Bruttoeinkommens
  • Keine Rente erhält man, wenn man noch mehr als sechs Stunden auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig sein kann

Jasmin Trübenbach: Was passiert, wenn ich berufsunfähig werde, aber vorher keine BU abgeschlossen habe?

Dieter Sprott: Wenn Sie in diesem Fall keine private Berufsunfähigkeitsversicherung angeschlossen haben, erhalten Sie nur die zuvor beschriebenen Leistungen vom Staat.

Jasmin Trübenbach: Wie gehe ich – bei abgeschlossener Berufsunfähigkeitsversicherung – vor, wenn ich berufsunfähig werde? Was muss ich alles beachten und tun, damit ich entsprechende finanzielle Unterstützung vom Staat und der Versicherung erhalte?

Dieter Sprott: Als erstes muss ein Antrag auf eine Berufsunfähigkeits-Rente bei der Versicherung gestellt werden. D.h. der Versicherte sollte sich telefonisch oder schriftlich bei seiner Versicherung melden. Bestenfalls teilt er bereits beim ersten Kontakt die Krankheit bzw. den Unfallvorgang, den Arbeitsunfähigkeits-Zeitraum und den zuletzt ausgeübten Beruf mit, diese Informationen beschleunigen den Leistungsprüfungs-Prozess.

Der Versicherer verschickt dann im Nachgang einen Fragebogen, welchen die versicherte Person wahrheitsgemäß ausfüllen muss. Danach werden Ärzte/Krankenhäuser und Krankenkassen zu dem gesundheitlichen Zustand der versicherten Person gefragt.

Es kann durchaus sein, dass sich die versicherte Person einem Gutachten unterziehen muss. Dies entscheidet der Versicherer. Um Leistungen für eine Erwerbsminderungsrente zu erhalten, muss ein Rentenantrag bei der gesetzlichen Rentenversicherung gestellt werden.

Jasmin Trübenbach: Was ist besser: Berufs- oder Erwerbsunfähigkeitsversicherung?

Dieter Sprott: Eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist grundlegend jedem zu empfehlen, da diese dann greift, wenn man den zuletzt ausgeübten Beruf nicht mehr ausüben kann.

Eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung kann sinnvoll sein, wenn man in der Ausbildung oder im Studium ist und deshalb womöglich noch kein konkreter Beruf versichert werden kann.

Die Berufsunfähigkeitsversicherung  bietet jedoch weit umfangreicheren Schutz und greift auch früher. Deshalb sollte man auf eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung nur dann zurückgreifen, wenn man beispielsweise aufgrund von Vorerkrankungen bei einer Berufsunfähigkeitsversicherung mit einer Ablehnung rechnen muss.

Jasmin Trübenbach: Auf welche Klauseln sollte ich bei meinem Angebot achten?

Dieter Sprott: Einschluss der „Rückwirkende Anerkennung“ ist nützlich, wenn sich nicht sofort feststellen lässt, ob die versicherte Person berufsunfähig bleibt. Dann wartet der Versicherer normalerweise sechs Monate mit der Rentenzahlung. Wir dann eine Berufsunfähigkeit attestiert, erhält die versicherte Person die Leistung rückwirkend ab Beginn der Feststellung.

Durch den Einschluss „ Rückwirkende Leistung bei verspäteter Meldung“ erbringt der Versicherer Leistung, obwohl die Berufsunfähigkeit verspätet gemeldet wurde. Die BU-Rente wird rückwirkend ab Feststellung ausbezahlt.

Der Einschluss „Verzicht auf abstrakte Verweisung“ bedeutet, dass der Versicherer im Leistungsfall nicht auf einen ähnlichen Beruf bzw. eine ähnliche Tätigkeit verweisen darf.

Jasmin Trübenbach: Was muss ich mir konkret unter der Klausel „Verzicht auf abstrakte Verweisung“ vorstellen?

Dieter Sprott: Der Versicherer kann die Leistung ablehnen, wenn die versicherte Person auf einen anderen Beruf verwiesen werden kann, der „ihrer bisherigen Lebensstellung“ sowie ihrer „Ausbildung und Erfahrung“ entspricht.
In der Rechtsprechung gilt die bisherige Lebensstellung nach derzeitigem Stand oft auch dann als gewahrt, wenn das Einkommen (bis zu) 20 Prozent niedriger ist als zuvor.

Beispiel: Ein Chirurg kann auch nach Verlust eines Fingers noch Sprechstunden halten oder als ärztlicher Berater tätig sein. Das Risiko, einen derartigen Arbeitsplatz zu finden, liegt dann beim Versicherten.

Jasmin Trübenbach: Wie viel verdienen wir eigentlich im Durchschnitt in einem Erwerbsleben?

Dieter Sprott: Zwischen 2,3 und 1,3 Millionen Euro verdient ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in seinem Erwerbsleben. Diese Angaben unterscheiden sich natürlich je nach Beruf, Ausbildung und Bildungsstand.

Nach diesem Interview ist mir klar geworden, wie wichtig die Berufsunfähigkeitsversicherung ist. Wenn Sie Fragen zu diesem Thema haben, können Sie mir gerne schreiben.

Was sagen Sie zu diesem Thema?

3 Kommentare

  1. Martin.N schreibt am 1. März 2015 um 10:47:

    Guten Tag,

    vielen Dank für diese schöne Ausarbeitung zum Thema Berufsunfähigkeitsversicherung. Zu dieser Versicherunge streiten sich die Geister.

    Die meisten Antragsteller gehen davon, dass die Aufnahme kein Problem darstellt. Doch das stimmt halt leider nicht. Die Anbieter müssen Kriterien schaffen, damit gewisse Risiken ausgeschlossen werden.

    Hauptthema bei der BU ist und bleibt die psychologische Behandlung der letzten 5 Jahre.Immer mehr Menschen sind auf diese professionelle angewiesen. Doch damit werden sie auch automatisch ausgeschlossen. Laut http://www.bu-vergleichsberichte.de/ müssen die Verbraucher eine Wartezeit von 5 Jahren in Kauf nehmen….

    Wie verhält es sich hier mit den Beiträgen in der Wartezeit-???

    • Andreas Morawietz Andreas Morawietz schreibt am 3. März 2015 um 16:38:

      Hallo Martin,

      wir haben Ihre Anfrage an unsere Kollegen aus der Fachabteilung weitergeleitet. Wir melden uns bei Ihnen, sobald wir die Rückmeldung erhalten.

      Viele Grüße

      Andreas aus dem Social Media-Team

    • Andreas Morawietz Andreas Morawietz schreibt am 6. März 2015 um 10:16:

      Hallo Martin,
      wir haben folgende Rückmeldung von unseren Kollegen erhalten:
      Aktuell bieten wir bei ERGO Direkt keinen Tarif für die Berufsunfähigkeitsversicherung an.

      Voraussichtlich Ende Juli dieses Jahres werden wir einen neuen optimierten Tarif anbieten. Wartezeiten wird es bei diesem Tarif nicht geben, allerdings stellen wir Gesundheitsfragen, auch zu Krankheiten der Psyche, z. B. Angststörung, Stress- oder Erschöpfungszustände, Depressionen, psychosomatische Störungen, Burn-Out, Schlafstörung, Suizidversuch usw. Wenn die zu versichernde Person in den vergangenen fünf Jahren entsprechende psychologische Behandlungen hatte, wird über die Antragsannahme im Einzelfall entschieden.

      Beste Grüße und ein schönes Wochenende

      Andreas aus dem Social Media-Team

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