Florian Schumacher: Wie er von Quantified Self profitiert

Zu unserem Themenschwerpunkt „Gesundheit digital“ steht uns einer der wichtigsten Quantified Self-Köpfe in Deutschland Rede und Antwort. Er gibt uns einen Einblick, welche persönlichen Informationen er auswertet und welche Vorteile er darin für die medizinische Versorgung sieht. 

Florian Schumacher Quantified Self

Florian Schumacher ist Quantified Self-Nutzer der ersten Stunde

Andrea Tschaban: Herr Schumacher, Sie gelten als Pionier der Quantified Self-Bewegung in Deutschland. Wie kam es dazu?

Florian Schumacher: Mit einem Fitness-Armband seine Schritte zu zählen ist einfach, aber es gibt viele andere Bereiche, in denen die Erfassung und Auswertung von Daten mehr Wissen erfordert und an die persönlichen Voraussetzungen angepasst werden muss.

Weltweit tauschen sich Menschen bei Quantified Self-Events darüber aus, wie man mit Hilfe von Daten seine Gesundheit, Produktivität, Stimmung und viele andere Aspekte verbessern kann. Ich finde diese Diskussion sehr wertvoll, deshalb veranstalte ich seit 2012 Quantified Self-Treffen in Berlin und München und engagiere mich für die Verbreitung von Wissen über Self-Tracking. Hierzu gebe ich regelmäßig Vorträge und berichte auf meinem Blog igrowdigital.com.

Andrea Tschaban: Sie beschäftigen sich bereits seit den neunziger Jahren damit, wie wir unser Leben mit Hilfe von Geräten, Apps und Co. optimieren können. Was bedeutet Quantified Self für Sie und warum empfinden Sie das Thema als so wichtig?

Florian Schumacher: Die Vermessung der Gesundheit, des Verhaltens oder des Befindens erlaubt es, Trends und Zusammenhänge zu erkennen und dadurch bessere Entscheidungen zu fällen. Davon profitiere ich persönlich, wenn ich mir neue Aspekte meines Lebens bewusst mache. Genauso kann ich Daten nutzen, um mich selbst für meine Ziele zu motivieren. Daten werden so zu einem wertvollen Instrument für die Gestaltung des eigenen Lebens und unterstützen bei der persönlichen Entwicklung. Zugleich werden die technischen Hilfsmittel in diesem Bereich immer besser und ermöglichen uns schon bald, unsere Lebensqualität auf eine ganz neue Stufe zu bringen.

Andrea Tschaban: Immer mehr Menschen sammeln freiwillig ihre Gesundheitsdaten und teilen sie öffentlich. Was glauben Sie, sind die Ursachen dieses Trends?

Florian Schumacher: Das Sammeln von Daten hilft, einen Bezug von theoretischem Wissen zum eigenen Alltag herzustellen. Dies ist wichtig, weil abstraktes Wissen allein nicht ausreicht und viele Menschen sich schwer tun, ihre Vorsätze für einen gesunden Lebensstil umzusetzen. Wenn man aber neue Verhaltensweisen ausprobiert und die Auswirkungen anhand seiner Gesundheitswerte beobachtet, erkennt man oft ganz praktisch, dass sich diese Veränderungen für einen lohnen. Hierdurch erhöhen sich die Chancen, neue Gewohnheiten langfristig beibehalten zu können. Das Teilen erfolgt in den meisten Fällen selektiv in geschlossenen Communities und kann die eigene Motivation erhöhen, insbesondere in Gruppen von Menschen, die das selbe Ziel verfolgen.

Andrea Tschaban: Wie viele beziehungsweise welche Messgeräte verwenden Sie und was messen Sie damit wie häufig?

Florian Schumacher: Ich trage meistens einen Activity Tracker, habe eine vernetzte Körperwaage, die mein Gewicht online speichert, und einen Sensor im Bett, der meinen Schlaf aufzeichnet. So kriege ich einen guten Überblick über meinen Lebensstil, den ich durch gelegentliche Analysen in anderen Bereichen ergänze. Dafür lasse ich in regelmäßigen Abständen beim Arzt mein Blutbild testen, protokolliere gelegentlich meine Ernährung oder messe meinen Blutdruck.

Beim Sport messe ich häufig meinen Puls und meine Geschwindigkeit beim Laufen oder Radfahren. Darüber hinaus experimentiere ich mit vielen anderen Messgeräten und -verfahren wie zum Beispiel der Herzratenvariabiliät als Indikator für meine körperliche Fitness und mein Stresslevel. Die Häufigkeit hängt dabei immer vom persönlichen Nutzen ab. Gerade am Anfang kann ich viel aus den Ergebnissen lernen. Wenn die Neugierde erst mal befriedigt ist, reichen meist gelegentliche Stichproben, um die langfristigen Veränderungen nachzuvollziehen.

Andrea Tschaban: Welche persönlichen Daten, die Sie messen, würden Sie nicht öffentlich preisgeben? Woran liegt das?

Florian Schumacher: Daten teile ich nicht öffentlich, sondern nur gezielt, wenn ich mir hiervon einen persönlichen Nutzen verspreche. Werte wie Bewegungsaktivität und Gewicht können meine Freunde über gemeinsam verwendete Self-Tracking Plattformen einsehen, was bei uns für zusätzliche Motivation sorgt. Medizinische Werte wie meinen Blutdruck oder Krankheitssymptome würde ich nur mit meinem Arzt und anderen Experten oder Betroffenen teilen, auf deren Feedback ich Wert lege.

Andrea Tschaban: Welche Vorteile erkennen Sie im Quantified Self-Trend, insbesondere im Hinblick auf die medizinische Versorgung und Vorsorge?

Florian Schumacher: Apps und Self-Tracking Gadgets erlauben es, ein besseres Bewusstsein für die eigene Gesundheit und das eigene Verhalten zu entwickeln. Außerdem besitzen viele Apps, die mit persönlichen Daten arbeiten, eine spielerische Komponente – dies erhöht den Spaß und macht es einfacher, sich gesundheitsbewusst zu verhalten. Aber auch als Patient hat man mit Self-Tracking-Tools die Möglichkeit seine Therapie zu verbessern, wie zum Beispiel als Diabetiker, wenn man durch regelmäßige Messung seines Blutzuckerspiegels gefährliche Ausschläge verhindern kann.

Die Technologie zur Erfassung von Daten wird immer besser und auch in der Analyse und Nutzung entstehen viele innovative Dienste. Zukünftig könnten Apps und Geräte sich entwickelnde Krankheiten schon vor Ausbruch erkennen und die Wahrscheinlichkeit, diese zu verhindern, enorm verbessern. Letztendlich sind die Daten auch eine tolle Chance, voneinander zu lernen. Wenn ich weiß, welche Therapie bei anderen Menschen mit ähnlichen Voraussetzungen am Besten funktioniert hat, muss ich nicht selbst alles ausprobieren, sondern profitiere vom Wissen und der Erfahrung meiner Mitmenschen. Im Idealfall werden hierfür die Daten von Anwendern, Ärzten, Krankenhäusern und Versicherungen gemeinsam genutzt. Die Vorteile, aber auch die Hürden auf dem Weg dahin, habe ich als Co-Autor des Buchs „Big Data in der Medizin und Gesundheitswirtschaft“ beschrieben.

Andrea Tschaban: Welche Lebensbereiche kann man mit Quantified Self darüber hinaus verbessern?

Florian Schumacher: Neben der Gesundheit kann man auch in vielen anderen Lebensbereichen mit Self-Tracking Verbesserungen erzielen. Beliebt sind Apps, mit denen die Schlafmenge, Ernährung, Stimmung oder die Finanzen aufgezeichnet werden können. Aber auch in Bereichen, wo es keine vorgefertigten Anwendungen gibt, sind einem mit universellen Self-Tracking Apps, Tagebüchern oder Tabellen und etwas Experimentierfreude kaum Grenzen gesetzt.

Andrea Tschaban: Sehen Sie Nachteile in der Anwendung von Quantified Self?

Florian Schumacher: Allgemein finde ich es sehr sinnvoll, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Die Erfassung von Daten ist aber kein Selbstzweck sondern macht nur Sinn, wenn man sich für ihre Aussage interessiert und etwas aus ihnen lernen kann. Wichtig ist dabei auch entspannt zu bleiben, selbst wenn die Werte nicht das gewünschte Ergebnis zeigen. Self-Tracking sollte nicht in übermäßigen Druck ausarten sondern helfen, bewusstere Entscheidungen zu fällen.

Andrea Tschaban: Was sollten Personen beachten, die mit dem digitalen Selbstmessen neu einsteigen wollen? Würden Sie uns drei Tipps nennen?

Florian Schumacher: Um langfristig Spaß an der Selbstvermessung zu haben, sollte man sich für Apps und Geräte entscheiden, die zu den persönlichen Vorlieben passen. Gerade bei den Fitnessarmbändern gibt es viele Varianten, zum Beispiel mit langer Batterielaufzeit und modischem Design, aber auch Geräte mit aufwendiger Technologie, die z.B Sportlern besonders detaillierte Messwerte liefern. Wichtig ist auch, dass man als Nutzer die Möglichkeit hat, seine Daten herunterzuladen oder die Geräte mit den Apps anderer Hersteller zu verwenden. Entsprechende Schnittstellen werden von vielen Herstellern angeboten. Wirklich Sinn macht Selbstvermessung, wenn man ein persönliches Zielt hat, für das man bereit ist, Neues auszuprobieren. Erkennt man Veränderungen an seinen Messwerten, entsteht zusätzliche Motivation und der Spaß an der Selbstvermessung ist garantiert.

Andrea Tschaban: Fitness und Sport soll ja nach wie vor Spaß machen. Bleibt der nicht auf der Strecke, wenn ich mich ständig mittels Messgeräten kontrolliere?

Florian Schumacher: Gerade im Sport können Informationen zur eigenen Leistung sehr motivierend sein, insbesondere wenn man nachvollziehen kann, wie man sich im Lauf der Zeit verbessert. Ob man sich beim Sport falsch misst hängt daher stark von den eigenen Ambitionen ab. Die meisten Menschen finden ganz intuitiv die richtige Balance aus Spaß und sportlichem Ehrgeiz und nutzen dazu mal mehr oder mal weniger Self-Tracking Lösungen.

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für das Interview mit uns genommen haben!

Noch mehr Informationen und Expertenmeinungen lesen Sie in unserem Online-Dossier „Gesundheit digital“.

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