Dirk von Gehlen im Interview: Wie Crowdfunding unsere Kultur verändert

Eine gelungene Symbiose aus Konzept und Inhalt. So urteilte die Jury des ERGO Direkt Medienpreises 2013 über das Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“ von Dirk von Gehlen. ERGO Direkt hat mit ihm über Experimente, Crowdfunding und die veränderte Rolle des Journalismus gesprochen.

v.l. Olaf Kolbrück (Jury), Prof. Dr. Petra Werner (Laudatorin), Dirk von Gehlen (Preisträger)

v.l. Olaf Kolbrück (Jury), Prof. Dr. Petra Werner (Laudatorin), Dirk von Gehlen (Preisträger)

Anita Neubauer: „Eine neue Version ist verfügbar“ begann als Crowdfunding-Experiment: Sie haben Leser im Internet dazu aufgefordert, ein Buch zu kaufen, von dem noch nicht eine Zeile geschrieben war. Warum haben Sie sich für dieses Publikationsmodell entschieden?

Dirk von Gehlen: Ich habe das Ganze begonnen, um eine These aufzustellen. Die These ist: Wir können Versionen von Kultur offen legen, und zwar nicht erst, wenn das Kulturprodukt fertig ist, sondern schon während seiner Entstehung. Meine Absicht war es, klassische Formen von Kultur neu zu denken und dabei auch neue Finanzierungsmodelle in den Blick zu nehmen.
Bei diesem Vorhaben kommt man um Crowdfunding nicht herum. Gleichzeitig war das eine Antwort auf die Frage: Was bedeutet es für unsere Kultur, wenn wir Kulturgüter wie Texte oder Musik im Internet digital kopieren können? Meine Antwort: Sie muss deshalb nicht zwingend zugrunde gehen. Kultur wird andere Begründungs-, andere Bezahl- und andere Denkmechanismen erfordern.

Anita Neubauer: Wodurch hat sich die Arbeit an „Eine neue Version ist verfügbar“ von Ihren bisherigen Buchprojekten unterschieden?

Dirk von Gehlen: Als „normaler Autor“ kann man den Erfolg in der Regel erst kommunizieren, wenn man mit seinem Buch fertig ist. Ich dagegen habe den circa 350 Supportern im Wochenrhythmus E-Mails geschrieben. So konnten sie die Entwicklung des Buchs beobachten und ich habe mich beim Schreiben nicht alleine gefühlt. Ich habe auch gemerkt, dass die Leser die Beteiligung am Entstehungsprozess viel mehr interessierte als die These dahinter.
Ich glaube, das liegt daran, dass wir gerade das Aufkommen einer neuen Bezahlkultur im Internet erleben. Die Nutzer wollen heute eine Begründung dafür haben, warum sie Aufmerksamkeit und Geld für ein Kulturprodukt investieren sollen. Die beste Begründung dafür kann immer noch der Künstler selbst liefern. Dieser direkte Austausch zwischen Publizist und Publikum ist das, was für mich am Crowdfunding spannend ist.

Dirk von Gehlen profitiert von Crowdfunding


Anita Neubauer: Waren Sie von Anfang an vom Gelingen des Projekts überzeugt?

Dirk von Gehlen: Nein, für mich war das ein Experiment. Es gab durchaus die Möglichkeit des Scheiterns. Das ist vermutlich auch der Grund, warum das Buchprojekt so gut ankam: Dass nämlich der einzelne Leser eine Rolle spielte für das Gelingen des Ganzen und das Gefühl hatte, dass das Projekt nur mit seiner Beteiligung funktionieren würde.

Anita Neubauer: Dirk von Gehlen, ist das Projekt nun mit dem gedruckten Buch für Sie abgeschlossen oder planen Sie bereits das nächste Update?

Dirk von Gehlen: Zunächst ist das Projekt abgeschlossen. Über die Zeit entstanden 25 verschiedene Versionen. Final gibt es nun zwei Versionen: eine Salon-Version, die für die 350 Supporter geschrieben wurde, und eine Update-Version, die der Metrolit Verlag als E-Book und gedrucktes Buch herausgegeben hat. Diese wiederum ist unter einer Creative Commons-Lizenz erschienen. Das heißt, man kann den Inhalt selbst weiterbearbeiten und private Kopien davon machen.

Anita Neubauer: „Eine neue Version ist verfügbar“ ist ein Beispiel dafür, dass Crowdfunding auch in Deutschland funktioniert. Welche Bedeutung wird Crowdfunding Ihrer Einschätzung nach in zehn oder zwanzig Jahren in Deutschland haben?

Dirk von Gehlen

Screenshot: Eine neue Version ist verfügbar

Dirk von Gehlen: Die Idee, ein Produkt „social“ zu machen – und Crowdfunding ist nichts anderes als eine soziale, weil gemeinschaftliche Art der Finanzierung – wird in verschiedenen Ausprägungen ganz viele Bereiche treffen. Von der Bank über die Versicherung bis zu Lebensmittelkonzernen und Kulturinstitutionen. Ich glaube, dass sich das Verhältnis zwischen Unternehmen, also denjenigen, die die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erreichen wollen, und dem Publikum verändert. Mechanismen wie Transparenz, Zugänglichkeit und Dialogfähigkeit werden eine immer größere Rolle spielen. Die Gemeinschaftsfinanzierung ist zwar niemals Ersatz, sondern immer eine Ergänzung zu etablierten Geschäftsmodellen. Aber sie wird sukzessive an Bedeutung gewinnen.

Preise funktionieren immer so, dass sie positive Aufmerksamkeit auf Projekte lenken. Das ist zum einen eine schöne Bestätigung der eigenen Arbeit. Zum anderen sind solche Preise auch ein Orientierungsmaßstab für andere. Je besser, je kreativer und je innovativer das ausgezeichnete Werk ist, umso stärker fordert das die Branche heraus. Daher freut es mich wahnsinnig, einen Innovationspreis gewonnen zu haben. Das zeigt, dass es sich lohnt, Experimente zu wagen.

Anita Neubauer: Als Preisträger sind Sie auch Vorbild für kommende Journalistengenerationen. Was sollte ein junger Journalist an Wissen und Können mitbringen, um heute in seinem Beruf erfolgreich zu sein?

Dirk von Gehlen: Um mit den aktuellen Veränderungen der Digitalisierung Schritt halten zu können, muss man stets offen dafür sein, Neues zu lernen. Ich glaube, dass wir alle, egal, in welcher Branche wir tätig sind, viel beweglicher im Kopf werden müssen. Wir brauchen Offenheit für Veränderungen und die Flexibilität, auf diese Veränderungen zu reagieren.

Vielen Dank für das Gespräch, Dirk von Gehlen!

Dirk von Gehlen studierte an der Deutschen Journalistenschule sowie der Ludwig-Maximilians-Universität München und arbeitet heute als Autor und Journalist. Er leitet den Bereich Social Media/Innovation bei der Süddeutschen Zeitung und ist Redaktionsleiter von jetzt.de, dem jungen Online-Magazin der SZ.

(Titelfoto: ERGO Direkt/Nils Krüger)

 
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2 Kommentare

  1. Tanja Neubauer schreibt am 29. Januar 2014 um 16:17:

    Ein sehr gelungener Artikel.

  2. Pingback: ERGO Direkt Medienpreis in Berlin verliehen - ERGO Direkt Blog

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