Digitale Nomaden – ortsunabhängig arbeiten und leben

Reisebloggerin Carina Herrmann im Outback von Australien

Als ich vor einiger Zeit von dem Thema digitale Nomaden erfahren habe, war ich sofort fasziniert. Menschen, die völlig unabhängig von einem festen Wohnort ihr Geld verdienen? Für mich klang das ziemlich unrealistisch. Doch in Zeiten unserer globalisierten und digitalisierten Welt ist das schon seit längerem kein Einzelfall mehr.

Beim Gedanken an digitale Nomaden kam mir sofort ein Bild in den Kopf: Türkisblaues Wasser, in der Hängematte unter Palmen liegen, mit einem fruchtigen Cocktail in der Hand. Und dabei ein wenig in den Laptop tippen. Das wars.

Als ich mir dann ein paar digitale Nomaden „vorgeknöpft“ habe, wurde ich allerdings enttäuscht. Denn meine Wunschvorstellung hat wenig mit der Realität zu tun. Es gehört einiges an Arbeit und Zeitaufwand – gerade am Anfang oft mehr als die übliche 40 Stunden-Woche – und eine gehörige Portion Selbstdisziplin dazu. Dafür ist es möglich um die Welt zu reisen und zu arbeiten, wo, wie und wann man will.

Aber was ist überhaupt ein digitaler Nomade? Auf Wikipedia wird Folgendes beschrieben:

Ein digitaler Nomade ist ein Unternehmer oder auch Arbeitnehmer, der fast ausschließlich digitale Technologien anwendet um seine Arbeit zu verrichten und zugleich ein eher ortsunabhängiges beziehungsweise multilokales Leben führt.

Soweit so gut. Das war nicht besonders aufschlussreich. Deswegen habe ich die Reisebloggerin Carina Herrmann über ihr Leben als digitale Nomadin befragt.

Strand in Mexiko

Hallo Carina, wie bist du zum digitalen Nomadentum gekommen, was hast du vorher gemacht?

Ich bin ursprünglich Kinderkrankenschwester und habe nach Abitur und Ausbildung 6 Jahre auf Kinderkrebsstationen und in Knochenmarks-Transplantations-Einheiten gearbeitet. Klingt genauso schwer, wie es ist, weshalb ich irgendwann einfach eine Auszeit brauchte. Also ging ich 14 Monate auf eine Reise durch Australien und Südostasien und verliebte mich ins Dauerreisen. Danach suchte ich nach einer Möglichkeit, ortsunabhängig Geld zu verdienen, um dauerhaft reisen zu können – und fand das Schreiben für mich.

Wie bist du dabei vorgegangen?

Nachdem die Entscheidung gefallen war, habe ich meine Wohnung und meinen Job gekündigt, all meinen Besitz verkauft, verschenkt und entsorgt und die restliche Zeit bis zum Start gespart, so viel es ging, um einen Sicherheitspuffer aufzubauen. Es ist erstaunlich, wie viel dabei zusammenkommt, wenn man sich erst einmal bewusst wird, was man alles im Leben wirklich braucht (und was nicht).

Digitale Nomaden – so kommt Geld in die Kasse

Wie verdienst du dein Geld?

Heute habe ich zwei erfolgreiche Blogs, mit denen ich zum größten Teil passiv Geld verdiene, also ohne aktiv dafür meine Zeit eintauschen zu müssen. Das funktioniert zum einen durch ehrliches Empfehlungs-Marketing. (Wenn ich Produkte empfehlenswert finde, verlinke ich sie und wenn meine Leserinnen diese Produkte kaufen, erhalte ich eine Provision, ohne, dass sie mehr dafür zahlen.)

Ausserdem begann ich ein halbes Jahr nach meinem Start, E-Books und Bücher zu schreiben. Von Ratgebern für alleinreisende Frauen (wie mein Buch „Frauen Reisen Solo“) über Anleitungen zum Aufbau des eigenen Online-Business (auf meinem zweiten Blog „Um 180 Grad“) bis hin zu, ganz aktuell, meiner eigenen Geschichte („Meerblick statt Frühsschicht“).

Es gibt viele verschiedene Einkommensströme wie diesen, die gemeinsam am Ende des Monats mein heutiges Einkommen bilden.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag für dich aus?

Den gibt es eigentlich nicht. Ich versuche immer eine gewisse Routine zu finden, aber das ist sehr stark auch vom jeweiligen Ort abhängig, ob ich einen Monat an einem Fleck bleibe, wie aktuell in Guanajuato, Mexiko oder gerade auf einem 3-wöchigen Roadtrip bin, wie bis vor Kurzem durch den Südwesten der USA.

Dann unterscheidet sich meine Definition von Arbeitsalltag schon sehr stark. Bin ich viel unterwegs, checke ich E-Mails, sobald ich mal Internet habe und schreibe zwischendurch Artikel und Antworten dazu. Dann reduziert sich mein Arbeitspensum auf 1-2 Stunden am Tag.

Nun aktuell, mit einer festen Unterkunft und stabilem Internet, sind es eher 4-6 Stunden am Tag, weil ich dann meiner Kreativität wieder richtig freien Lauf lassen kann und an neuen Projekten bastele.

Was gefällt dir besonders an diesem Lebensstil?

Genau das. Dass ich selbst wählen kann, wie mein Alltag aussieht, mit wem ich zusammenarbeite oder welche Projekte ich angehen möchte. Das komplette Maß an Freiheit bezogen auf meine Arbeit.

Wo warst du schon überall und wie lange bleibst du in der Regel an einem Ort?

Phasen wie der Roadtrip, in denen ich von Ort zu Ort hüpfe, sind seltener geworden. Meist versuche ich bis zu einem Monat an einem Ort zu bleiben, um auch ein wirkliches Gefühl für die Kultur und die Menschen zu bekommen. Das ist auch deutlich weniger anstrengend.

Gerade habe ich die 1000 Tage als Dauerreisende angesammelt und war in dieser Zeit in Schottland, Irland, Istanbul, Jerusalem, Jordanien, Thailand, Vietnam, Kuala Lumpur, Sumatra, Bali, Valencia, Prag, Wien, Island, Kanada, USA, Mexiko, Australien und der Nordinsel Neuseelands unterwegs. Eine wilde und wunderschöne Mischung.

Was gefällt dir weniger? Welche Hürden hast du zu meistern?

Es gibt kaum etwas, dass mir daran nicht gefällt. Wenn ich merke, dass etwas nicht passt, habe ich auch die Freiheit es passend zu machen.

Freundschaften zu erhalten ist anspruchsvoller geworden, als es das vielleicht in Deutschland wäre. Dafür reduziert sich der Kreis aber auch auf Menschen, die zu 100% auf der gleichen Wellenlänge liegen. Und wenn ich jemanden zu sehr vermisse, besuche ich diese Menschen eben.

Welche Tipps gibst du Interessierten, die auch diesen Weg einschlagen möchten?

Sich zunächst ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es herrscht leider viel zu häufig noch ein etwas verblendetes Weltbild zum Digitalen Nomadentum.

Stattdessen verbirgt sich dahinter, wie bei jeder Selbständigkeit, viel, viel Arbeit, Durchhaltevermögen und vor allem in der ersten Zeit, definitiv nicht viel Geld.

Ich würde also entweder empfehlen, sich ein kräftiges Polster anzusparen, bevor man in die ortsunabhängige Selbständigkeit startet oder nebenberuflich damit anzufangen. Ich habe beides in Kombination getan und kann es nur jedem ans Herz legen.

Ein gutes Business-Konzept ist die zweite Hürde. Das muss kein ausgefeilter 50-seitiger Business-Plan sein. Aber ich lese viel zu häufig, dass Menschen gern Digitale Nomaden werden möchten, ihren Job kündigen und losreisen wollen, ohne überhaupt eine konkrete Idee zu haben, was sie eigentlich tun wollen. Einen Laptop im Rucksack und einen Blog zu haben, macht einen noch lange nicht zum Digitalen Nomaden …

Vogelperspektive von einem Riff in Australien

Versicherungsschutz für digitale Nomaden

Welchen Versicherungsschutz empfiehlst du digitalen Nomaden und welchen Versicherungsschutz hast du für dich gewählt?

Ein sehr schwieriges Thema, denn oft sehe ich uns Deutsche als ein wenig „überversichert“ an, weil wir uns, aus Sorge heraus, oft gegen alles versichern ohne darüber nachzudenken, was sinnvoll ist.

Ich habe anfangs vieles auf Eis gelegt, um mir in der beginnenden Selbständigkeit selbst den Rücken freizuhalten. Langfristig macht eine Haftpflichtversicherung (wenn sie weltweit gilt) meiner Meinung nach Sinn und vor allem eine private Rentenversorgung. In welcher Form auch immer. Je größer das eigene Unternehmen wird, sind dann eine Berufshaftpflicht (sollte man Veranstaltungen anbieten) und eine Rechtsschutzversicherung (mit speziellem Hinblick auf Online-Absicherungen) in meinen Augen sinnvoll.

Vielen Dank, Carina, für dieses spannende und aufschlussreiche Interview!

Ich persönlich kann mir nun viel besser vorstellen, wie ein digitaler Nomade so lebt und arbeitet. Ich bin mir trotzdem nicht sicher, ob dieser Lebensstil auch etwas für mich wäre. Wie geht es Ihnen? Könnten Sie sich vorstellen ein digitaler Nomade zu werden?

Reisekrankenversicherung für digitale Nomaden

Tipps von Birgit Dreyer, Reiseexpertin der ERV:

Empfehlenswert ist – gerade für Digitale Nomaden – sicherlich ein umfassender Schutz auf Reisen. Denn je länger die Reisedauer, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man auf der Reise erkrankt oder die Reise abbrechen muss.

Ein Mindestmaß an Absicherung ist für jede Reise eine private Reisekranken-Versicherung.

Das empfehlen auch Verbraucherschützer. Denn den gesetzlichen Krankenkassen ist es nur sehr begrenzt möglich, ihre Mitglieder im Ausland zu versichern. Zwar gibt es nach wie vor die EHIC – also die europäische Krankenversicherungskarte. Doch diese greift nur in der EU und darüber hinaus auch in europäischen Ländern, mit denen Deutschland ein Sozialversicherungsabkommen hat. Und selbst hier werden die anfallenden Kosten nur bis zu einer bestimmten Höhe und für Behandlungen von festgelegten Vertragsärzten übernommen. So können selbst in Ländern wie Österreich oder Italien hohe Kosten entstehen.

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