Das Internet macht den Tod öffentlicher

Digitaler Nachlass: Ich will im Internet selbst entscheiden, wann ich trauere.

Digitaler NachlassAls Kind sind meine Eltern mit mir immer ganz bewusst zum Friedhof gefahren, um dort für ein paar Minuten in aller Ruhe den Verstorbenen zu gedenken. Heute gehe ich höchstens noch einmal im Jahr zum Friedhof. An die Toten aus meinem Familien- und Freundeskreis denke ich trotzdem häufig. Aber auf anderen Wegen.

Ich will selbst entscheiden, wann ich trauere

Eine gute Freundin von mir ist vor zwei Jahren gestorben. Doch aus dem Internet wird sie wohl nie vollständig verschwinden. Egal ob auf ihrem Blog oder in sozialen Netzwerken – immer wieder stoße ich auf ihr Gesicht, ihren Namen. Manchmal tue ich das ganz bewusst, wenn ich an unsere gemeinsamen Erlebnisse denken oder einfach in Erinnerungen schwelgen möchte. In solchen Momenten liebe ich es, dass das Internet nichts vergisst und ich Bilder und Texte von ihr zu jeder Tages- und Nachtzeit im Netz finden kann.

Aber manchmal hasse ich das Internet auch genau dafür. Immer dann, wenn ich in Facebook eine Aufforderung bekomme, meine verstorbene Freundin doch zur nächsten Party einzuladen. Oder immer dann, wenn ich dazu aufgefordert werde, ihr mal wieder eine Nachricht zu schreiben. Wenn ich im Netz mit Verstorbenen in Kontakt trete, dann will ich mich ganz bewusst dafür entscheiden und nicht in unpassenden Momenten damit konfrontiert werden.

Wer denkt schon an seinen digitalen Tod?

Ich finde es gut, dass sich mit dem Wandel des Internets jeder User individuell mit dem Tabuthema Sterben auseinander setzen kann. Und es ist wichtig, sich frühzeitig mit dem eigenen Tod im Netz zu beschäftigen. Denn 58,3 Prozent der Deutschen sind täglich im Netz unterwegs, wie die ARD/ZDF-Onlinestudie 2014 belegt. Damit hinterlassen 41 Millionen Bundesbürger jeden Tag auch digitale Spuren, persönliche Daten, Bilder und Videos im Internet. Mit dieser Entwicklung zum Web 2.0 hat sich auch der Umgang mit dem Tod verändert. Denn wer heute stirbt, hinterlässt nicht nur sein reales Erbe, sondern auch einen digitalen Nachlass. Auch dieser muss nach einem Sterbefall verwaltet werden. Denn mit dem Tod endet der Schutz der personenbezogenen Daten, wie der Rechtsanwalt Carsten Ulbricht in seinem Blog erklärt.

In unserer Online-Befragung gab jeder Zweite an, dass er zwar zu Lebzeiten an die eigene Beerdigung denkt. Um seinen digitalen Nachlass macht sich dagegen nur jeder fünfte Deutsche Gedanken. Die Erfahrungen in meinem eigenen Freundeskreis haben mir gezeigt, dass es zu einem echten Problem werden kann, wenn der Verbleib der Online-Profile nach dem Tod nicht klar geregelt wird.

Der Tod gehört genauso zu unserem Leben, wie die Geburt. Den meisten Menschen fällt es trotzdem sehr schwer ihr Beileid auszudrücken. So finden Sie die richtigen Worte zur Beileidsbekundung.

Was sagen Sie zu diesem Thema?

4 Kommentare

  1. jacky schreibt am 19. Januar 2015 um 20:58:

    Ich will einfach nur, dass alle Daten von mir gelöscht werden, wenn ich einmal nicht mehr sein sollte! Da brauche ich auch keine großen Pläne für einen digitalen Nachlass…

    • Konrad Welzel Konrad Welzel schreibt am 20. Januar 2015 um 14:32:

      Hallo Jacky,
      vielen Dank für Ihren Kommentar.
      Es ist sehr gut, dass Sie sich schon zu Lebzeiten sicher sind, was mit Ihren Daten im Internet passieren soll. Das Problem ist allerdings, dass es in Deutschland keine gesetzliche Regelung für den Umgang mit dem „digitalen Nachlass“ gibt. Deshalb ist es wichtig, sein digitales Erbe schon zu Lebzeiten zu regeln, damit Ihre Hinterbliebenen sich um Ihre Passwörter, Accounts und persönlichen Daten, die Sie nach Ihrem Tod im Internet zurück lassen, kümmern können.
      Ausführlicher gehen wir genau auf dieses Thema in unserem Blogbeitrag „Digitaler Nachlass: so geht`s“, der am kommenden Freitag veröffentlicht wird.

      • jacky schreibt am 20. Januar 2015 um 22:20:

        OH Gott. Wo soll man denn da anfangen, wenn man wirklich alle Passwörter und Accounts vorher regeln will!?!?

  2. Rusty Gordon schreibt am 20. Januar 2015 um 13:30:

    Ich glaube, dass die digitale Welt auch das Ableben komplexer macht. Ob ein „handelsüblicher“ Bestatter neben der analogen Beerdigung auf dem Friedhof auch den digitalen Nachlass organisieren helfen kann? Ich wage das zu bezweifeln – gerade weil die Wege und Fußspüren im Internet nie mehr klar nachvollziehbar sind. Ein Facebook-Profil zu deaktivieren, das Amazon-Konto aufzulösen, sämtliche Newsletter, RSS-Feeds, etc. auf Null zu drehen erscheint mir in letzter Konsequenz ein Unmöglichkeitsauftrag.

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